Mit «Imprints» zeigt die Pascal Robert Gallery in Zürich eine Ausstellung über Erinnerung, Geschichte und die Macht der Bilder. Anspruchsvoll, vielschichtig – und von einer Präsenz, die weit über einen klassischen Galerieabend hinausreicht.
Wenn Geschichte ihre Spuren hinterlässt
«Imprints» von Deimantas Narkevičius bei Pascal Robert Gallery
Manche Ausstellungen erschliessen sich auf den ersten Blick. Andere beginnen genau dort, wo der erste Blick nicht ausreicht. «Imprints» von Deimantas Narkevičius gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Pascal Robert hat in seiner Galerie an der Zürcher Rämistrasse eine ungewöhnlich konzentrierte Ausstellung geschaffen. Eine Präsentation, die weniger auf den schnellen visuellen Effekt setzt als auf das Nachdenken über Bilder, Erinnerung und Geschichte. Der Abend der Vernissage am 3. September hatte dadurch stellenweise fast musealen Charakter – und eine Atmosphäre, die bemerkenswert gut zu den Arbeiten des litauischen Künstlers passte.
Die Vergangenheit ist nicht vorbei
Deimantas Narkevičius, 1964 in Utena geboren und heute in Vilnius lebend, gehört seit den 1990er-Jahren zu den wichtigen Stimmen der europäischen Gegenwartskunst. Im Zentrum seiner Arbeit steht immer wieder die Frage, wie Geschichte entsteht – und vor allem, wie sie erinnert, dargestellt und weitergegeben wird.
Das ist gerade vor dem Hintergrund seiner Herkunft von besonderer Bedeutung. Der Zerfall der Sowjetunion, politische Umbrüche, wechselnde gesellschaftliche Systeme und die Frage nach einer post-sowjetischen Identität bilden einen Resonanzraum seiner Arbeit. Doch Narkevičius dokumentiert Geschichte nicht einfach. Er untersucht ihre Bilder.
Was bleibt von einem Ereignis? Was geschieht, wenn Bilder aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst werden? Und wie zuverlässig ist eigentlich das, was wir für kollektive Erinnerung halten?
Zwischen Dokument und Illusion
Fotografie und Film gelten gemeinhin als Medien, die Wirklichkeit festhalten. Bei Narkevičius wird genau diese vermeintliche Sicherheit fragwürdig.
Ein besonders prägnantes Beispiel dafür ist sein Film «Once in the XX Century» von 2004. Historisches Filmmaterial vom Sturz eines Lenin-Denkmals wird rückwärts abgespielt. Aus der Demontage wird plötzlich eine Errichtung, aus dem Ende eines politischen Symbols dessen scheinbare Wiederauferstehung.
Eine einfache filmische Umkehrung verändert die Bedeutung eines historischen Dokuments vollständig.
Genau darin liegt eine der Qualitäten von Narkevičius: Seine Arbeiten erklären nicht, was wir denken sollen. Sie bringen vielmehr Gewissheiten ins Wanken.
Steine, Bilder und die Magie des Archivs
In der neuen Fotoserie «Blessed and Deuced» richtet Narkevičius seinen Blick auf alte heilige Steine in der litauischen Landschaft. Eng angeschnitten und von oben fotografiert, verlieren sie beinahe ihren Charakter als Landschaftsobjekte. Oberfläche, Moos, Gestein und fotografisches Korn beginnen sich miteinander zu verbinden.
Die Fotografie wird dabei mehr als Dokumentation. Sie übersetzt etwas Physisches in ein Bild – und bewahrt gleichzeitig etwas von der symbolischen, beinahe spirituellen Bedeutung dieser Steine.
Auch «The Dud Effect» bewegt sich zwischen historischer Realität und Konstruktion. Archivmaterial, Architektur, Inszenierung und Spezialeffekte verbinden sich zu einem vermeintlich historischen Ereignis: dem Start einer sowjetischen Atomrakete. Nur hat dieser Start nie stattgefunden.
Die Grenze zwischen Dokument und Fiktion wird unscharf. Und plötzlich stellt sich eine sehr gegenwärtige Frage: Wie viel Wahrheit steckt eigentlich in einem überzeugenden Bild?
Eine Ausstellung, die Zeit verlangt
«Imprints» ist keine Ausstellung für den schnellen Rundgang. Die Arbeiten verlangen Aufmerksamkeit, Hintergrundwissen und die Bereitschaft, sich auf Zusammenhänge einzulassen.
Gerade das empfand ich an diesem Abend als besondere Qualität.
Die Galerie wurde nicht lediglich zum Raum, in dem Kunst präsentiert wird. Sie wurde zum Ort der Auseinandersetzung. Die ungewöhnlich konzentrierte Präsentation, die Filme, Fotografien und historischen Bezüge erzeugten eine Atmosphäre, wie man sie eher aus institutionellen Ausstellungen kennt.
Auch das Publikum spiegelte diesen Anspruch wider. Es war spürbar, dass dieser Abend weit über einen gesellschaftlichen Vernissagentermin hinaus Interesse geweckt hatte – auch bei Persönlichkeiten, die sich professionell und institutionell mit Kunst beschäftigen.
Wenn der Künstler Teil der Ausstellung wird
Besonders wertvoll war deshalb die Anwesenheit von Deimantas Narkevičius selbst.
Denn bei einem Werk, das so stark von historischen Zusammenhängen, Perspektivwechseln und konzeptuellen Überlegungen lebt, verändert das persönliche Gespräch den Zugang zur Kunst. Narkevičius begegnete den Besucherinnen und Besuchern ausgesprochen offen, freundlich und unprätentiös. Immer wieder entstanden Gespräche vor den Arbeiten, Fragen wurden gestellt, Gedanken weitergeführt.
Für einen Moment verschwand damit auch die klassische Distanz zwischen Künstler, Werk und Publikum.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Möglichkeiten einer Vernissage: Kunst nicht nur zu betrachten, sondern unmittelbar mit dem Menschen ins Gespräch zu kommen, der sie geschaffen hat.
Bilder erinnern anders als wir
Der Titel «Imprints» lässt sich als Abdruck, Spur oder Prägung lesen. Und tatsächlich zieht sich die Idee der Spur durch die Ausstellung: Spuren politischer Systeme, Spuren in Landschaften, Spuren persönlicher und kollektiver Erinnerung – und nicht zuletzt die Spuren, die Bilder selbst in unserem Verständnis von Vergangenheit hinterlassen.
Narkevičius zeigt Geschichte nicht als abgeschlossenen Zustand. Bei ihm bleibt sie beweglich. Sie kann neu montiert, rückwärts abgespielt, rekonstruiert oder aus einer anderen Perspektive betrachtet werden.
Vielleicht liegt darin die Aktualität dieser Ausstellung.
In einer Gegenwart, in der Bilder schneller denn je entstehen, verbreitet und manipuliert werden können, wird die Frage danach, wie Bilder Wirklichkeit erzeugen, noch dringlicher.
«Imprints» liefert darauf keine einfachen Antworten. Dafür stellt die Ausstellung die besseren Fragen.









Deimantas Narkevičius – «Imprints»
Pascal Robert Gallery
Rämistrasse 5, Zürich
3. September – 17. Oktober 2026
Rämistrasse Gallery Night: 17. September 2026, 18:00–20:00 Uhr
Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien.
