Schlagwort: Gruppenausstellung

  • Wenn abstrakte Kunst körperlich wird

    Wenn abstrakte Kunst körperlich wird

    The Body Within Abstraction im Museum Haus Konstruktiv

    Was hat der menschliche Körper mit abstrakter Kunst zu tun? Auf den ersten Blick vielleicht wenig. Gerade die konstruktiv-konkrete Kunst hat sich lange auf Linie, Farbe, Fläche, Geometrie und mathematische Systeme konzentriert. Der menschliche Körper schien darin kaum eine Rolle zu spielen.

    Die neue Ausstellung «The Body Within Abstraction» im Museum Haus Konstruktiv zeigt, dass diese Trennung weit weniger eindeutig ist. Acht international renommierte Künstlerinnen und Künstler machen auf sehr unterschiedliche Weise sichtbar, wie der Körper zum Massstab, Ausgangspunkt oder sogar zum eigentlichen Material abstrakter Kunst werden kann.

    Zu sehen sind Werke von Heidi Bucher, Eva Fàbregas, Kimsooja, Dóra Maurer, Bruce Nauman, Steven Parrino, Chiharu Shiota und Franz West. Die von Sabine Schaschl und Muriel Pérez kuratierte Gruppenausstellung erstreckt sich über den Ost- und Westteil des Museums.

    Der Körper als Massstab

    Besonders interessant ist dabei, wie unterschiedlich die Künstlerinnen und Künstler den Körper in ihre Arbeiten einbeziehen. Manchmal ist er unmittelbar präsent, manchmal nur durch seine Spuren, Bewegungen oder Proportionen.

    Bei Dóra Maurer wird der eigene Körper beispielsweise zum Messinstrument. In ihrer Filmarbeit «Proportions» von 1979 untersucht sie die Verhältnisse ihrer Gliedmassen zur eigenen Körperlänge und übersetzt diese in ein geometrisches System. Die Arbeit aus der Sammlung des Museum Haus Konstruktiv bildet einen thematischen Ausgangspunkt der Ausstellung.

    Auch bei Bruce Nauman wird der Körper Teil eines Systems. In «Body Pressure» von 1974 besteht das Werk zunächst lediglich aus einer Anweisung: Der eigene Körper soll gegen eine Wand gedrückt und die Berührungspunkte bewusst wahrgenommen werden. Die Skulptur entsteht damit nicht als Objekt, sondern erst durch die körperliche Erfahrung der Betrachtenden.

    Noch unmittelbarer wird dieses Verhältnis in Naumans «Dance or Exercise on the Perimeter of a Square». Der Künstler bewegt sich entlang eines auf dem Boden markierten Quadrats. Aus einer geometrischen Linie wird Bewegung, aus dem abstrakten System eine körperliche Erfahrung.

    Zwischen Haut, Raum und Erinnerung

    Ganz anders nähert sich Heidi Bucher dem Thema. Ihre «Bodyshells» von 1972 umhüllen den menschlichen Körper wie eine zweite Haut und lassen die Grenze zwischen Mensch, Objekt und Raum verschwimmen. In der Ausstellung sind 2024 gefertigte Ausstellungskopien der vier Bodyshells zu sehen. Ein Film zeigt ihre ursprüngliche Performance am Venice Beach im Jahr 1972.

    Bei Kimsooja wiederum wird Textil zum Träger menschlicher Erfahrung. Ihre «Bottari» – Bündel aus Stoff – verweisen auf Reisen, Aufbruch und die Dinge, die Menschen mit sich tragen. In der Gegenüberstellung mit ihren auf Rahmen gespannten «Meta-Paintings» wird derselbe Stoff zugleich Fläche, Volumen und potenzielle Hülle des menschlichen Körpers.

    Eva Fàbregas lässt ihre Installationen fast selbst zu Körpern werden. Ihre organischen Latexformen erinnern an Haut, Gewebe oder innere Organe. Durch wiederholtes Aufblasen und Entleeren verändern sie sich: Die Oberflächen verlieren ihre Spannung, bilden Falten und werden zunehmend fragiler. Abstraktion erscheint hier beinahe als lebender Organismus.

    Spuren körperlicher Energie

    Bei Steven Parrino schreibt sich körperliche Energie direkt in die Leinwand ein. Er verschiebt, zerknittert und deformiert monochrome Bildflächen. Die klassische Geometrie des Bildträgers bleibt sichtbar, wird aber durch den physischen Eingriff aus ihrer Ordnung gebracht.

    Auch Franz West hinterfragt mit seinen berühmten «Passstücken» die Grenze zwischen Skulptur und Körper. Die abstrakten Gebilde aus Papiermaché und Gips waren ursprünglich dafür gedacht, vom Publikum aufgenommen und wie Erweiterungen oder Prothesen an den eigenen Körper angelegt zu werden.

    Den Abschluss bildet Chiharu Shiota mit «Endless Connections». Rote Fäden verdichten sich zu einem raumgreifenden Netzwerk, das an Blutgefässe oder neuronale Strukturen denken lässt. Unter dem Geflecht liegen Bronzeabgüsse der Hände der Künstlerin. Der Körper selbst ist nicht zu sehen – und scheint dennoch im gesamten Raum präsent.

    Museum Haus Konstruktiv The Body Within Abstraction
    Museum Haus Konstruktiv The Body Within Abstraction

    Eine Ausstellung, die den Raum braucht

    Gerade in den grosszügigen Räumen des neuen Museum Haus Konstruktiv entwickelt die Ausstellung eine besondere Wirkung. Die Arbeiten bekommen viel Raum, ohne isoliert zu wirken. Installationen, Filme, Skulpturen und konzeptuelle Arbeiten treten miteinander und mit der Architektur in Beziehung.

    Bei der Vernissage am 25. September wurde dies besonders spürbar. Trotz der vielen Besucherinnen und Besucher blieb die räumliche Wirkung der einzelnen Arbeiten erhalten. Die Präsentation wirkt grosszügig und präzise zugleich – und zeigt, welches Potenzial die neuen Räume im Löwenbräukunst-Areal für umfangreiche Ausstellungen besitzen.

    «The Body Within Abstraction» ist die erste Ausstellung seit dem Umzug, die sämtliche neuen Ausstellungsräume in Ost- und Westtrakt gemeinsam bespielt. Gleichzeitig feiert das Museum mit ihr sein 40-jähriges Bestehen.

    Vielleicht liegt genau darin eine zusätzliche Qualität dieser Ausstellung: Sie beschäftigt sich nicht nur mit Körpern, sondern auch mit deren Verhältnis zum Raum. Und diesen Raum kann man beim Rundgang selbst erfahren.

    The Body Within Abstraction
    Museum Haus Konstruktiv, Zürich
    26. September 2026 bis 10. Januar 2027
    Kuratiert von Sabine Schaschl und Muriel Pérez

    Weitere Informationen zur Ausstellung beim Museum Haus Konstruktiv

    Museum Haus Konstruktiv The Body Within Abstraction
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    Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.