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  • Was bleibt von Kunst, wenn sie niemand sieht?

    Was bleibt von Kunst, wenn sie niemand sieht?

    Die Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich bringt Werke ans Licht, die seit mindestens 50 Jahren nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Einen Stock höher verschwindet die Kunst dagegen vollständig. Eine Ausstellung über Sichtbarkeit – und darüber, was mit Kunst passiert, wenn niemand sie sieht.

    Man weiss zunächst gar nicht, wohin man schauen soll.

    Bilder hängen dicht an dicht, teilweise bis fast unter die Decke. Grosse Gemälde neben kleinen Zeichnungen, Porträts neben Landschaften, Abstraktion neben Gegenständlichem. Dazwischen stehen rohe Holzregale, in denen weitere Werke stecken. Manche sieht man vollständig, von anderen nur einen Ausschnitt, einen Rahmen oder sogar nur die Rückseite.

    So sieht eine Ausstellung normalerweise nicht aus.

    Museen und Galerien geben Kunst Raum. Werke werden ausgewählt, auf Abstand gebracht, ins richtige Licht gesetzt. Im ersten Stock des Helmhaus passiert fast das Gegenteil.

    Die Fülle ist überwältigend – und genau darin liegt die besondere Wirkung von «In der Sonne sitzen».

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    50 Jahre nicht gesehen

    Was hier so dicht nebeneinander hängt und steht, stammt aus öffentlichen Kunstsammlungen. Und keines dieser Werke wurde in den vergangenen 50 Jahren öffentlich ausgestellt. Manche waren vermutlich noch wesentlich länger nicht zu sehen.

    Plötzlich bekommt die Präsentation in den Holzregalen eine zusätzliche Bedeutung. Sie erinnert nicht nur an ein Depot. Sie macht sichtbar, was normalerweise tatsächlich hinter verschlossenen Türen geschieht.

    Und damit auch eine Realität des Kunstbetriebs, über die man als Besucher selten nachdenkt.

    Wir kennen Kunst vor allem dann, wenn sie gezeigt wird. Im Museum. In einer Galerie. Auf einer Messe. In einer Sammlung oder vielleicht in einer Wohnung. Doch hinter jedem ausgestellten Werk stehen unzählige andere, die gerade nirgendwo hängen.

    Sie lagern.

    In Museumsdepots, Archiven, Galerielagern, Ateliers, Kellern oder privaten Sammlungen. Manche für einige Monate, andere für Jahre oder Jahrzehnte.

    Gerade wenn man selbst Künstlerinnen und Künstler kennt, bekommt dieser Gedanke eine andere Dimension. Denn ein Bild ist zunächst kein Inventarstück. Jemand hat es geschaffen. Eine Idee entwickelt, Entscheidungen getroffen, verworfen, neu begonnen. Zeit investiert. Vielleicht gezweifelt.

    Und irgendwann entschieden: Jetzt ist es fertig.

    Meist verbunden mit dem Wunsch, dass jemand dieses Werk sieht.

    Was passiert also mit Kunst, wenn genau das nicht geschieht?

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    Sehen – und trotzdem nicht alles sehen können

    Das Helmhaus beantwortet diese Frage nicht. Stattdessen verschärft es sie.

    Denn nun sind all diese Werke endlich wieder öffentlich zu sehen – und gleichzeitig sind es so viele, dass man unmöglich jedem einzelnen die Aufmerksamkeit schenken kann, die es in einer klassischen Ausstellung bekommen würde.

    Vor einer Museumswand kann man zurücktreten und sich auf ein Werk konzentrieren. Hier wandert der Blick ständig weiter. Ein Bild zieht das nächste nach sich. Manche Arbeiten entdeckt man erst auf den zweiten Blick. Andere verschwinden beinahe in der Menge.

    Auch in den Regalen lassen sich nicht alle Werke vollständig betrachten.

    Eigentlich müsste das frustrieren.

    Stattdessen beginnt man zu suchen.

    Man geht näher heran, schaut zwischen Rahmen, entdeckt eine Rückseite, bleibt an einem Gesicht hängen oder an einer Farbe. Und plötzlich schafft es doch wieder ein einzelnes Werk, sich aus der Masse zu lösen.

    Vielleicht liegt genau darin eine der stärksten Erfahrungen dieser Ausstellung.

    Und dann geht man einen Stock höher.

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    Und plötzlich gibt es nichts mehr zu sehen

    Der zweite Stock dreht das Prinzip vollständig um.

    Während unten Hunderte Werke um den Blick der Besucher konkurrieren, werden oben zeitgenössische Kunstwerke präsentiert, die man überhaupt nicht sehen kann.

    Sie wurden eigens für «In der Sonne sitzen» entwickelt. Doch anstatt ihnen gegenüberzustehen, erfährt man von ihnen durch Erzählerinnen und Erzähler. Alle 15 Minuten wird von diesen Arbeiten berichtet.

    Die sichtbare Kunst des ersten Stocks trifft auf unsichtbare Kunst im zweiten.

    Und plötzlich stellt sich dieselbe Frage noch einmal – nur unter vollkommen anderen Vorzeichen.

    Was braucht ein Kunstwerk eigentlich, um in unserer Vorstellung zu existieren?

    Müssen wir es sehen? Oder reicht eine Beschreibung, aus der im Kopf ein eigenes Bild entsteht? Und ist dieses Bild dann noch das Werk der Künstlerin oder des Künstlers – oder bereits ein Stück weit unser eigenes?

    Gerade der Kontrast zwischen den beiden Stockwerken macht das Konzept so spannend.

    Unten möchte man mehr sehen, als man sehen kann.

    Oben kann man nur sehen, was man sich selbst vorstellt.

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    Hinter jedem Bild steht ein Name. Meistens.

    An einer Wand des Helmhaus stehen die Namen der Künstlerinnen und Künstler des ersten Stocks dicht an dicht. Hunderte Namen werden zu einer beinahe grafischen Fläche.

    Bekannte Namen finden sich darunter, andere sind heute nur noch wenigen geläufig. Und zwischen all den Namen taucht immer wieder ein Wort auf: «Unbekannt».

    Auch das bleibt hängen.

    Denn plötzlich wird aus der überwältigenden Menge wieder etwas sehr Individuelles. Hinter fast jedem dieser Werke stand einmal ein Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Vorstellung davon, was Kunst sein kann – und vermutlich auch mit dem Wunsch, damit wahrgenommen zu werden.

    Erfolg in der Kunst ist dabei erstaunlich relativ.

    Wer wird ausgestellt? Wer wird gesammelt? Welche Werke schaffen es in die Kunstgeschichte? Welche verschwinden für Jahrzehnte in einem Depot? Und welche werden irgendwann wieder hervorgeholt und mit vollkommen anderen Augen betrachtet?

    Darauf gibt es keine einfache Antwort.

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    Vielleicht muss Kunst nicht ständig sichtbar sein

    Es wäre allerdings zu einfach, ein Depot nur als einen Ort zu verstehen, an dem Kunst verschwindet.

    Museen bewahren Werke gerade deshalb auf, damit sie bleiben können. Nicht alles kann gleichzeitig gezeigt werden. Sammlungen überdauern Ausstellungen, Moden und manchmal auch die Aufmerksamkeit, die einem Künstler oder einer Künstlerin zu Lebzeiten zuteilwird.

    Ein Werk kann 50 Jahre nicht zu sehen sein – und trotzdem weiter existieren.

    Bis jemand es wieder hervorholt.

    «In der Sonne sitzen» führt diesen Gedanken auf ungewöhnliche Weise weiter. Die Ausstellung zeigt Kunst, die lange unsichtbar war, und erzählt gleichzeitig von Kunst, die bewusst unsichtbar bleibt.

    Dazwischen stehen wir als Besucher.

    Wir schauen, suchen, entdecken und stellen uns etwas vor.

    Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke dieser Ausstellung. Sie zeigt nicht einfach möglichst viele Kunstwerke. Sie macht bewusst, wie sehr Kunst davon abhängt, dass jemand ihr Aufmerksamkeit schenkt.

    Und wie unterschiedlich diese Aufmerksamkeit aussehen kann.

    Manchmal genügt ein Blick.

    Manchmal braucht es Zeit.

    Und manchmal entsteht das Bild erst im Kopf.

    In der Sonne sitzen
    Helmhaus Zürich
    2. Oktober 2026 bis 3. Januar 2027
    Limmatquai 31, Zürich
    Eintritt frei

    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
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    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
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    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich
    Ausstellung «In der Sonne sitzen» im Helmhaus Zürich

    Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.

  • Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 im Helmhaus

    Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 im Helmhaus

    Zeitgenössische Kunst als eindrucksvolles Gesamterlebnis

    Mit den Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 präsentiert das Helmhaus erneut eine Ausstellung, die zu den spannendsten Einblicken in das aktuelle Kunstschaffen der Stadt zählt. Die jährlich stattfindende Präsentation vereint die Positionen der Künstlerinnen und Künstler, die im Rahmen des Werkstipendienverfahrens der Stadt Zürich ausgewählt wurden, und macht die Vielfalt der zeitgenössischen Kunst auf eindrucksvolle Weise erlebbar.

    Doch nicht nur die einzelnen Arbeiten hinterlassen Eindruck – es ist vor allem das sorgfältig entwickelte Ausstellungskonzept, das den Besuch zu einem besonderen Erlebnis macht.

    Kunst im Dialog mit dem Raum

    Schon beim Betreten der Ausstellung wird deutlich, dass hier nicht einfach Werke nebeneinander präsentiert werden. Der Rundgang entwickelt eine eigene Dramaturgie. Immer wieder öffnen sich neue Sichtachsen, wechseln Massstäbe und Materialien, entstehen überraschende Gegenüberstellungen. Grossformatige Installationen treffen auf Malerei, Videoarbeiten auf Skulpturen, fotografische Positionen auf experimentelle Medien.

    Gerade diese Vielfalt macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus. Hinter nahezu jedem Raum eröffnet sich eine neue Perspektive – und mit ihr eine andere künstlerische Sprache.

    Die Ausstellung wirkt dadurch nie beliebig. Vielmehr entsteht ein spannungsreicher Dialog zwischen den einzelnen Arbeiten und den grosszügigen Räumen des Helmhauses.

    Geballte Kreativität

    Die Bandbreite der gezeigten Positionen ist beeindruckend. Manche Arbeiten nehmen den gesamten Raum ein und beziehen die Besucher unmittelbar ein, andere entfalten ihre Wirkung in stillen, konzentrierten Momenten. Viele Werke überraschen durch unkonventionelle Materialien oder neue Herangehensweisen, andere greifen klassische Medien auf und interpretieren sie auf zeitgenössische Weise.

    Gerade diese Offenheit macht den Rundgang so spannend. Die Ausstellung versteht sich nicht als Sammlung ähnlicher Positionen, sondern als lebendiges Panorama aktueller künstlerischer Ausdrucksformen.

    Eine überzeugende kuratorische Inszenierung

    Dass diese grosse Vielfalt dennoch als stimmiges Ganzes funktioniert, ist auch der Arbeit der Kuratoren Benedikt Bock und Irene Grillo zu verdanken.

    Die einzelnen Positionen erhalten ausreichend Raum, um ihre eigene Wirkung zu entfalten, ohne den Dialog mit den benachbarten Arbeiten zu verlieren. Licht, Blickachsen und Raumabfolgen sind sorgfältig aufeinander abgestimmt und verleihen der Ausstellung einen natürlichen Rhythmus. So entsteht ein Rundgang, der neugierig macht und den Besucher immer wieder zum Innehalten einlädt.

    Gerade diese Inszenierung zeigt, wie entscheidend die kuratorische Gestaltung für das Erleben einer Ausstellung sein kann. Kunst entfaltet ihre Wirkung nicht nur durch einzelne Werke, sondern auch durch das Zusammenspiel von Raum, Licht und Atmosphäre.

    Persönliche Entdeckung

    Besonders angesprochen haben mich die Arbeiten von Angelos Merges. Im Vergleich zu einigen installativen oder multimedialen Positionen wirken sie auf den ersten Blick eher klassisch. Gerade dadurch entwickeln sie innerhalb der Ausstellung eine besondere Präsenz und setzen einen spannenden Kontrast zu den experimentelleren Arbeiten. Für mich gehörten sie zu den Positionen, die den Rundgang nachhaltig bereichert haben.

    Fazit

    Die Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 bieten weit mehr als einen Überblick über aktuelle Positionen der Zürcher Kunstszene. Sie zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich zeitgenössische Kunst heute gedacht und umgesetzt wird – und wie sehr eine gelungene kuratorische Inszenierung das Ausstellungserlebnis prägen kann.

    Wer sich auf den Rundgang einlässt, wird nicht nur einzelne Werke entdecken, sondern eine Ausstellung erleben, die von ihrer Vielfalt, ihren räumlichen Bezügen und ihrer Atmosphäre lebt. Sie lädt dazu ein, sich Zeit zu nehmen, genau hinzusehen und eigene Entdeckungen zu machen.

    Website Helmhaus

    Instagram @helmhaus_zuerich

    Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 im Helmhaus
    Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 im Helmhaus
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    Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 im Helmhaus

    Beteiligte Künstlerinnen und Künstler

    Die Ausstellung Kunststipendien der Stadt Zürich 2026 vereint Arbeiten der folgenden Künstlerinnen (gemäss offizieller Ausstellungsliste):

    Martin Andereggen, Virginia Ariu, Johanna Bruckner, Caterina De Nicola, Bettina Eberhard, Cédric Eisenring, Philipp Farra, June Fischer, Tereza Glazova, Aleyna Günay, Samuel Haitz, Nadia Hauri, Bernhard Hegglin, Martin Heynen, Gilles Jacot, Thomas Julier, David Knuckey, Jiri Makovec, Angelos Merges, Alexeï Aad Monney, Yusuf Orhan, Jonathan Ospina, Cora Piantoni, lean rüegg, Marie Schumann, Laura Sennhauser, Sebastian Stadler, Stirnimann-Stojanovic, Lulu Cora Süss, Flavia Trachsler, U5, Ariane Vonmoos, Arnaud Wohlhauser.

    Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien.