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  • Wenn Kunst den Raum verändert

    Opening bei Mai 36 Galerie: Hiroki Tsukuda, Markus Saile und «flowers» auf drei Etagen

    Drei Etagen, sehr unterschiedliche künstlerische Positionen und eine Ausstellung, bei der nicht nur die Werke, sondern auch ihre Beziehung zum Raum in Erinnerung bleibt. Beim Opening der Mai 36 Galerie begegnen sich die futuristisch anmutenden Bildwelten von Hiroki Tsukuda und die vielschichtige Malerei von Markus Saile – ergänzt durch die Gruppenausstellung «flowers». Ein Abend voller Kunst, überraschender Perspektiven und guter Gespräche.

    Wenn aus einem Galeriebesuch eine Begegnung wird

    Es gibt Vernissagen, bei denen man die Kunst betrachtet. Und es gibt Abende, an denen aus dem Betrachten Gespräche entstehen – mit Künstlern, Galeristen und anderen Besuchern. Das Opening bei Mai 36 gehörte für mich eindeutig zur zweiten Kategorie.

    Über drei Etagen verteilten sich sehr unterschiedliche künstlerische Positionen und ebenso unterschiedliche Stimmungen. Hiroki Tsukuda und Markus Saile waren beide persönlich anwesend, ebenso Victor Gisler, Inhaber der Mai 36 Galerie. Ich hatte Gelegenheit, mich mit allen drei auszutauschen. Und auch mit anderen Gästen entstanden immer wieder Gespräche über einzelne Arbeiten, Wahrnehmungen und persönliche Favoriten.

    Diese kommunikative und offene Atmosphäre passte erstaunlich gut zu einem Ausstellungsabend, bei dem es ohnehin viel zu entdecken gab.

    Denn schon der Weg durch die drei Etagen wurde zu einer kleinen Dramaturgie.

    Hiroki Tsukuda: Welten zwischen Realität und Fiktion

    Im Erdgeschoss beginnt der Rundgang mit Hiroki Tsukudas Ausstellung «Inferno».

    Der 1978 in Japan geborene Künstler entwickelt eine Bildsprache, die sich einer schnellen Einordnung entzieht. Zeichnung, Architektur, technische Strukturen und organisch anmutende Formen verbinden sich zu komplexen Bildwelten, die gleichzeitig vertraut und vollkommen fremd erscheinen.

    Tsukuda arbeitet dabei an der Schnittstelle von digitalen und analogen Prozessen. Eigene Zeichnungen und Fotografien ebenso wie gefundene Bildmotive können zunächst digital kombiniert, verändert und aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelöst werden. Die eigentlichen Arbeiten entstehen anschliessend von Hand.

    Gerade dieser Gegensatz ist faszinierend.

    Auf den ersten Blick könnte man meinen, Ausschnitte einer digital konstruierten Zukunft vor sich zu haben. Doch je näher man den Arbeiten kommt, desto stärker offenbaren sie ihre zeichnerische Präzision und ihren Detailreichtum.

    Architektonische Fragmente treffen auf technische Systeme, geometrische Konstruktionen auf Formen, die beinahe organisch wirken. Manche Arbeiten erinnern an Stadtlandschaften einer unbekannten Zukunft, andere an Pläne oder Kartografien von Orten, die möglicherweise gar nicht existieren.

    Zwischen Kontrolle und Chaos

    Was mich an Tsukudas Arbeiten besonders interessiert, ist dieses permanente Wechselspiel zwischen Ordnung und Kontrollverlust.

    Man versucht, Strukturen zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und sich innerhalb der Bilder zu orientieren. Doch kaum glaubt man, einen Zugang gefunden zu haben, öffnet sich bereits die nächste Ebene.

    Das macht die Arbeiten ausgesprochen eigenständig.

    Science-Fiction klingt darin ebenso an wie urbane Architektur, digitale Bildwelten oder die Ästhetik technischer Systeme. Gleichzeitig bleiben die Arbeiten weit genug von eindeutigen Erzählungen entfernt, um Raum für die eigene Vorstellung zu lassen.

    Tsukuda zeigt keine Zukunft, die sich einfach entschlüsseln lässt. Er entwirft vielmehr Parallelwelten, die unserer eigenen erstaunlich nahekommen und dennoch nach anderen Regeln zu funktionieren scheinen.

    Gerade deshalb lohnt es sich, vor diesen Arbeiten Zeit zu verbringen. Sie erschliessen sich nicht mit einem schnellen Blick – und genau darin liegt ihre Qualität.

    «flowers»: ein vertrautes Motiv, viele Perspektiven

    Eine Etage höher verändert sich die Atmosphäre.

    Mit «flowers» versammelt Mai 36 Arbeiten unterschiedlicher Künstlerinnen und Künstler, darunter Jacopo Benassi, Roe Ethridge, Pia Fries, Gowoon Lee, Robert Mapplethorpe, Matt Mullican, Thomas Ruff, Paul Thek, Jack Warne und Leon Xu.

    Was sie verbindet, ist eines der ältesten und vermeintlich vertrautesten Motive der Kunstgeschichte: die Blume.

    Doch eine klassische Blumenausstellung ist «flowers» gerade nicht.

    Das Motiv wird fotografisch, malerisch, konzeptuell oder beinahe beiläufig aufgegriffen. Die Blume kann Schönheit und Vergänglichkeit symbolisieren, formaler Ausgangspunkt sein oder zur Projektionsfläche ganz anderer Themen werden.

    Gerade zwischen den beiden Einzelausstellungen funktioniert diese Etage wie ein bewusst gesetzter Zwischenraum. Nach Tsukudas dichten, futuristisch anmutenden Welten öffnet sich der Blick, bevor sich im zweiten Obergeschoss das Verhältnis von Kunst und Raum noch einmal vollkommen verändert.

    Markus Saile: Wenn die Wand Teil des Bildes wird

    Bei Markus Saile und seiner Ausstellung «False Horizon» beginnt man zunächst mit den Bildern – und stellt irgendwann fest, dass man längst auch die Wände betrachtet.

    Der in Köln lebende Künstler arbeitet mit stark verdünnter Ölfarbe auf Holz. In zahlreichen Schichten entstehen Malereien, in denen Farben, Flächen und Gesten einander überlagern. Etwas scheint aufzutauchen, anderes wieder zu verschwinden. Räume entstehen, ohne tatsächlich dargestellt zu werden.

    Schon diese Malerei spielt mit unserer Wahrnehmung von Fläche und Tiefe.

    Doch in den Räumen von Mai 36 kam für mich noch eine zweite Ebene hinzu: die aussergewöhnliche Art der Präsentation.

    Eine Hängung gegen die Erwartung

    Die Arbeiten waren nicht einfach an den dafür naheliegenden Wandflächen platziert. Ganz im Gegenteil.

    Bilder wurden teilweise an Raumkanten und über Ecken hinweg positioniert. An anderer Stelle hingen mehrere Arbeiten unterschiedlicher Formate – darunter extrem schmale – dicht an einem Türrahmen. Gleichzeitig blieb ausgerechnet jene zentrale Wandfläche leer, an der man bei einer klassischen Galeriehängung wahrscheinlich das Hauptwerk erwartet hätte.

    Das klingt zunächst nach einem Detail der Ausstellungsgestaltung. Vor Ort verändert es jedoch die Wahrnehmung des gesamten Raumes.

    Denn wir haben gelernt, wie wir uns in einer Ausstellung verhalten sollen. Wir betreten einen Raum, suchen die grossen freien Wandflächen und erwarten dort die Kunst.

    Hier funktioniert diese Orientierung plötzlich nicht mehr.

    Der Blick wandert zu den Rändern. Zu einer Ecke. An einen Türrahmen. In den Übergang zum nächsten Raum. Und irgendwann bemerkt man, dass auch die bewusst leer gelassene Wand Teil der Inszenierung geworden ist.

    Kunst und Architektur auf Augenhöhe

    Gerade diese Präsentation gehörte für mich zu den überraschendsten Erfahrungen des Abends. Ich habe viele unterschiedliche Ausstellungskonzepte gesehen – eine derart konsequente und zugleich selbstverständlich wirkende Einbeziehung der vorhandenen Architektur ist mir bisher jedoch kaum begegnet.

    Entscheidend ist dabei, dass die ungewöhnliche Hängung nicht wie ein gestalterischer Effekt wirkt.

    Sie entspricht vielmehr erstaunlich genau Sailes eigener Auseinandersetzung mit Raum, Fläche und Wahrnehmung.

    Die Bilder besetzen die Architektur nicht einfach. Sie reagieren auf sie.

    Plötzlich werden Ecken, Durchgänge, Wandflächen, Abstände und Leerräume relevant. Der schmale Streifen neben einem Türrahmen bekommt ebenso viel Aufmerksamkeit wie eine grosse freie Wand.

    Damit verschiebt sich auch eine ganz grundlegende Frage: Es geht nicht mehr nur darum, was an einer Wand hängt, sondern ebenso darum, wo es hängt – und was dieser Ort mit dem Bild macht.

    Die Architektur ist nicht länger neutraler Hintergrund für die Kunst. Sie wird zu ihrem Gegenüber.

    Drei Etagen – drei Arten des Sehens

    Vielleicht war genau das die Stärke dieses Abends bei Mai 36: Die drei Etagen wollten nicht dasselbe erzählen.

    Im Erdgeschoss zieht Hiroki Tsukuda den Betrachter in hochkomplexe imaginäre Welten hinein. Seine Arbeiten fordern dazu auf, genauer hinzusehen, Strukturen zu suchen und sich immer wieder neu zu orientieren.

    Eine Etage darüber zeigt «flowers», wie unterschiedlich ein scheinbar vertrautes Motiv künstlerisch interpretiert werden kann.

    Und bei Markus Saile im zweiten Obergeschoss richtet sich der Blick schliesslich nicht mehr nur auf die Bilder. Er beginnt, durch die Bilder hindurch auch den Raum selbst neu wahrzunehmen.

    Drei vollkommen unterschiedliche Erfahrungen – und gerade deshalb ein spannender Rundgang.

    Kunst findet nicht nur an der Wand statt

    Was von diesem Opening bleibt, sind deshalb nicht nur einzelne Werke.

    Es ist auch die Erfahrung, wie unterschiedlich Kunst unsere Wahrnehmung verändern kann: Tsukuda erschafft Räume innerhalb seiner Bilder. Saile lässt seine Malerei mit dem realen Raum in Beziehung treten. Und dazwischen öffnet «flowers» ein bekanntes Motiv für ganz unterschiedliche Interpretationen.

    Hinzu kamen die Begegnungen des Abends. Dass beide Künstler anwesend waren, Victor Gisler als Galerist ebenso präsent war und sich auch unter den Gästen immer wieder Gespräche entwickelten, machte aus dem Ausstellungsbesuch mehr als einen Rundgang durch drei Etagen.

    Vielleicht ist das ohnehin eine der schönsten Eigenschaften einer guten Vernissage.

    Man kommt wegen der Kunst. Man beginnt zu schauen. Man kommt ins Gespräch. Und manchmal verlässt man die Galerie mit einem anderen Blick auf die Dinge, als man sie betreten hat.

    Hiroki Tsukuda – «Inferno»
    10. September – 7. November 2026

    Markus Saile – «False Horizon»
    10. September – 7. November 2026

    «flowers» – Group Exhibition
    11. September – 7. November 2026

    Mai 36 Galerie
    Rämistrasse 37, Zürich

    Website Mai 36 Galerie

    Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien.