Kategorie: Architektur

  • Architektur, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss

    Architektur, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss

    Der Chipperfield-Bau des Kunsthaus Zürich zeigt seine Qualität nicht auf den ersten Blick. Gerade darin liegt seine Stärke.

    Auf den ersten Blick wirkt er streng, monumental, beinahe hermetisch: der Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich von David Chipperfield. Ein grosser, klar geschnittener Kubus aus Stein, der seit 2021 dem historischen Kunsthaus am Heimplatz gegenübersteht.

    Doch je länger man sich mit dem Gebäude beschäftigt, desto mehr beginnt sich dieser erste Eindruck aufzulösen. Hinter der scheinbaren Strenge steckt eine Architektur, die überraschend stark von Licht, Material, Proportionen und feinen Bezügen zur Umgebung lebt.

    Vor allem aber ist es ein Gebäude, das nicht selbst zum Kunstwerk werden will. Es schafft einen Rahmen für die Kunst – mit einer architektonischen Qualität, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschliesst.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Ein neues Haus, das die alten nicht ignoriert

    Das Kunsthaus ist selbst ein Stück Architekturgeschichte. Der Moser-Bau stammt von 1910, 1958 folgte der Pfister-Bau, 1976 der Erweiterungsbau von Erwin Müller. Chipperfield fügte diesem Ensemble ein weiteres Haus aus einer vollkommen anderen Zeit hinzu.

    Dabei ging es nicht darum, historische Architektur zu imitieren. Chipperfield suchte nach einer zeitgenössischen Antwort auf das Bestehende.

    Das zeigt sich besonders an der Fassade. Ihre schmalen vertikalen Lisenen aus Jurakalkstein erzeugen einen Rhythmus, der Bezüge zu den steinernen Fassaden des historischen Kunsthauses und anderer öffentlicher Zürcher Gebäude herstellt.

    Der Stein selbst ist dabei alles andere als steril. Seine Oberfläche und natürliche Struktur bringen Bewegung in die streng geometrische Ordnung. Je nach Licht verändert sich die Wirkung der Fassade, Schatten wandern über die vertikalen Elemente und lassen den massiven Baukörper lebendiger erscheinen.

    Was aus der Entfernung fast geschlossen wirkt, wird aus der Nähe differenzierter. Hinter und zwischen den steinernen Elementen liegen Fenster und Öffnungen, die asymmetrisch über die Fassade verteilt sind. Dadurch entsteht eine zweite Ebene innerhalb der strengen Ordnung.

    Gerade darin liegt eine Qualität dieses Gebäudes: Es drängt sich nicht mit spektakulären Formen auf. Seine Wirkung entsteht aus Rhythmus, Material, Licht und Proportion.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Ein Museum, das nicht selbst zur Skulptur werden will

    Viele zeitgenössische Museumsbauten sind längst selbst zu Attraktionen geworden. Die Architektur wird zur weithin sichtbaren Skulptur und manchmal sogar zum eigentlichen Grund für einen Besuch.

    Der Chipperfield-Bau verfolgt einen anderen Ansatz.

    Sein Konzept basiert auf einem «Haus der Räume». Unterschiedlich grosse und proportionierte Säle bilden eine Folge von Räumen mit jeweils eigenem Charakter. Entscheidend ist dabei auch das Licht: Manche Ausstellungsbereiche lassen sich vollständig kontrollieren, andere beziehen gezielt Tageslicht ein.

    Damit reagiert die Architektur auf sehr unterschiedliche Anforderungen der Kunst – von klassischer Malerei über die Moderne bis zu zeitgenössischen Installationen, Fotografie und neuen Medien.

    Genau diese Funktionalität spielte bereits beim Architekturwettbewerb 2008 eine wesentliche Rolle. Chipperfields Entwurf setzte sich gegen 19 weitere Projekte durch. Die Jury sah darin eine besonders überzeugende Lösung der komplexen städtebaulichen, architektonischen und funktionalen Anforderungen.

    Das Museum sollte nicht nur mehr Fläche bekommen. Es brauchte Räume, die unterschiedlichste Formen der Präsentation ermöglichen und gleichzeitig effizient organisiert sind.

    Die Architektur ist damit nicht nur Hülle. Sie ist ein präzise entwickeltes Instrument für das Zeigen von Kunst.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Der vielleicht eindrucksvollste Raum liegt zwischen den Ausstellungen

    Wer das Gebäude betritt, erlebt zunächst keine klassische Museumssituation.

    Die zentrale Eingangshalle nutzt die gesamte Höhe des Gebäudes und entwickelt dadurch eine fast monumentale Raumwirkung. Über mehrere Geschosse hinweg öffnet sich ein Raum, dessen Dimensionen man in Zürich kaum erwartet.

    Gleichzeitig verhindern die grossen Glasflächen, dass diese Monumentalität schwer oder abgeschlossen wirkt. Auf der einen Seite öffnet sich der Blick zum Heimplatz und zum historischen Kunsthaus, auf der anderen zum Garten der Kunst.

    So entsteht eine starke Sichtachse. Die Halle verbindet Altbau und Neubau, Stadt und Museum, Architektur und Umgebung.

    Interessant ist dabei auch, dass die grosse Glasfront nicht unmittelbar als Eingang dient. Der Zugang ist seitlich versetzt und über einen Vorraum organisiert. Diese Schleusensituation hat neben der räumlichen Inszenierung auch eine klimatische Funktion und schützt die grosse Halle vor einem direkten Austausch mit dem Aussenraum.

    Bemerkenswert ist vor allem die Materialität. Sichtbeton, weisser Marmor, helles Eichenholz und Messing bestimmen die Architektur. Eigentlich eine sehr reduzierte und puristische Materialwelt – und trotzdem wirkt der Raum nicht kalt.

    Vor allem das Messing spielt dabei eine wichtige Rolle. Es findet sich an Wandflächen, Türen, Handläufen, Liften und in der Signaletik und setzt warme Akzente gegenüber Beton und Stein.

    Hier zeigt sich das Prinzip des gesamten Gebäudes besonders deutlich: Die Architektur sucht nicht den schnellen Effekt. Ihre Qualität erschliesst sich über Proportionen, Materialien und Details – und oft erst auf den zweiten Blick.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Die Qualität steckt auch im Detail

    Je länger man sich durch das Gebäude bewegt, desto stärker fallen die kleinen Dinge auf.

    Übergänge, Brüstungen und Handläufe sind sorgfältig ausgearbeitet. Harte geometrische Formen werden an manchen Stellen überraschend weich. Kanten sind gerundet, Messingelemente tauchen immer wieder auf und selbst Türgriffe werden zu kleinen gestalterischen Entdeckungen – teilweise in Form von Tierköpfen.

    Solche Details verändern nicht die Architektur als Ganzes. Aber sie verändern die Wahrnehmung.

    Der grosse, zunächst streng wirkende Bau bekommt dadurch etwas Menschliches. Man spürt, dass hier nicht nur über Kubatur und Quadratmeter nachgedacht wurde, sondern darüber, wie sich Menschen durch Räume bewegen, Materialien berühren und Architektur unmittelbar erleben.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Architektur, die vom Licht lebt

    Vielleicht lässt sich der Chipperfield-Bau ohnehin weniger über seine Form als über sein Licht verstehen.

    Von aussen verändert der Schatten der steinernen Fassadengliederung die Wahrnehmung des Gebäudes. Innen wird Tageslicht gezielt eingesetzt, ohne die Anforderungen empfindlicher Kunstwerke aus den Augen zu verlieren.

    Besonders deutlich wird das in der zentralen Halle. Die grossen Glasflächen machen die Stadt zum Teil der Architektur. Der historische Moser-Bau gegenüber wird plötzlich selbst zum Bild.

    So entsteht eine interessante Umkehrung: Der Neubau steht nicht einfach neben dem alten Kunsthaus. Er inszeniert den Blick darauf.

    Alt und Neu treten miteinander in Beziehung, ohne dass das eine das andere imitieren muss.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Vom Museum in die Stadt

    Chipperfields Entwurf endet nicht an der Fassade.

    Im Norden schliesst der Garten der Kunst an. Bereits im städtebaulichen Konzept war vorgesehen, zwei unterschiedliche öffentliche Räume zu schaffen: den urbanen Heimplatz auf der einen und einen offenen, grünen Raum auf der anderen Seite. Die zentrale Halle verbindet beide.

    Auch bei der Gestaltung des Gartens wurde die Umgebung mitgedacht. Statt einen vollkommen eigenständigen Landschaftsraum zu schaffen, nimmt die Bepflanzung Bezüge zu den Gärten des Quartiers auf. Der Übergang zwischen Museum und Umgebung soll fliessend wirken.

    Dieser Gedanke ist wesentlich für das Verständnis des Gebäudes. Das Kunsthaus sollte nicht nur zusätzliche Ausstellungsfläche erhalten, sondern sich stärker zur Stadt öffnen.

    Heute sind die Eingangshalle und der Garten auch ohne Besuch einer Ausstellung zugänglich. Menschen treffen sich hier, durchqueren die Halle oder halten sich im Aussenraum auf.

    Aus Museumsfläche wird öffentlicher Raum – ein Ort für Begegnung und Kommunikation.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Ein Bau, der Zeit braucht

    Seit seiner Planung und Eröffnung wurde der Chipperfield-Bau kontrovers diskutiert. Seine Grösse, die strenge Geometrie und die steinerne Fassade boten genügend Stoff für Kritik. Gleichzeitig hatte die Zürcher Bevölkerung der Erweiterung des Kunsthauses 2012 in einer Volksabstimmung zugestimmt.

    Vielleicht gehört diese Ambivalenz sogar zu diesem Gebäude.

    Denn der Chipperfield-Bau versucht nicht, durch eine spektakuläre Geste unmittelbar zu gefallen. Er setzt auf etwas anderes: Proportion, Material, Licht, Rhythmus und eine konsequente Umsetzung bis ins Detail.

    Gerade deshalb lohnt es sich, näher hinzusehen.

    Denn hinter dem vermeintlich einfachen Kubus steckt ein erstaunlich komplexes Zusammenspiel aus Stadt, Architektur und Kunst. Der Bau nimmt sich nicht zurück, weil seine Architektur weniger wichtig wäre. Seine Stärke liegt vielmehr darin, präsent zu sein, ohne ständig Aufmerksamkeit einzufordern.

    Vielleicht ist genau das eine seiner grössten Qualitäten: eine Architektur, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss.

    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
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    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
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    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
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    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
    Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

    Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.

  • TWELVE ROOMS – wenn zwölf kleine Räume einen grossen Ort schaffen

    TWELVE ROOMS – wenn zwölf kleine Räume einen grossen Ort schaffen

    Manche der interessantesten Kunstorte entdeckt man ungeplant.

    Vernissagen sind nicht nur Orte für Kunst, sondern auch für Begegnungen und Austausch. So ergab sich bei „VESSELS“ in der Galerie Lea Bischofberger im Zürcher Seefeld aus einem Gespräch die spontane Einladung, anschliessend noch eine weitere Vernissage ganz in der Nähe zu besuchen: TWELVE ROOMS.

    Ich kannte den Ort bis dahin nicht. Aus einem kurzen Abstecher wurde ein überraschend langer und besonderer Abend.

    Denn TWELVE ROOMS ist alles andere als eine gewöhnliche Galerie.

    Zwölf Fächer werden zu zwölf Ausstellungsräumen

    An der Seefeldstrasse 9 befindet sich in einer Aussenfassade ein alter Verkaufsautomat mit zwölf verglasten Fächern. Wo früher Kaffee und Tee verkauft wurden, ist heute zeitgenössische Kunst zu sehen – in zwölf Ausstellungsräumen, Room I bis Room XII.

    Hinter TWELVE ROOMS steht der Architekt Roman Sokalski. Die Idee entstand, wie er erzählt, eigentlich durch Zufall. Seit Jahren kam er an dem Automaten vorbei. Seine Büros und Firmen befinden sich zwischen Bellevue und Seefeld, ein befreundeter Geigenbauer arbeitet im selben Haus. Der ungenutzte Automat war einfach immer da – etwas vergessen und gleichzeitig erstaunlich präsent.

    Irgendwann begann Sokalski, das Objekt mit anderen Augen zu betrachten. Gerade aus architektonischer Perspektive lag sein Potenzial eigentlich offen vor ihm: zwölf kleine Räume hinter Glas, mitten in der Stadt und jederzeit für alle sichtbar.

    „Man muss eigentlich gar nicht viel hinzufügen“, sagt Sokalski.

    So entstand 2026 TWELVE ROOMS – verbunden mit einem ebenso einfachen wie treffenden Gedanken:

    Nothing to buy and everything to discover.

    Ein Automat mit eigener Geschichte

    Auch die Geschichte des Ortes macht das Projekt besonders.

    Bis ungefähr zum Jahr 2000 befand sich in dem Haus das Café Gleich, eines der frühen vegetarischen Restaurants Zürichs. Das Gebäude gehört bis heute der Familie Gleich. An der Hausecke wurde der Automat eingebaut, um geröstete Kaffeebohnen und Tee zu verkaufen – jeweils für einen Franken.

    Und er funktioniert vollständig mechanisch. Eine Einfrankenmünze wird eingeworfen, danach lässt sich das entsprechende Fach öffnen.

    Irgendwann wurde ausgerechnet dieser Preis zum Problem. Für einen Franken liess sich kaum noch etwas sinnvoll verkaufen. Das Café verschwand, der Automat blieb – rund 25 Jahre weitgehend ungenutzt. Als Sokalski ihn übernahm, existierten nicht einmal mehr die Schlüssel.

    Gerade diese Vorgeschichte ist für TWELVE ROOMS wesentlich. Der Automat wurde nie als Kunstraum entworfen. Seine Proportionen, seine Mechanik und seine zwölf Fächer waren längst vorhanden.

    Aus zwölf Warenfächern wurden zwölf Ausstellungsräume.

    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld

    Florian Graf – Common Grounds

    An diesem Abend eröffnete mit „Common Grounds“ von Florian Graf bereits die zweite Ausstellung bei TWELVE ROOMS.

    Graf richtet den Blick auf Dinge, die uns im Alltag so selbstverständlich umgeben, dass wir sie kaum noch wahrnehmen: eine Tasse, einen Bleistift, eine Tube Kondensmilch. In seinen Arbeiten werden daraus Objekte, die von Sprache, Gewohnheiten, gesellschaftlichen Übereinkünften und gemeinsamer Erinnerung erzählen.

    Besonders unmittelbar verbindet sich „Botany of Distribution“ mit der Geschichte des Ortes. Die Keramik-Edition erinnert an die ursprüngliche Funktion des Verkaufsautomaten und zugleich an eines unserer alltäglichsten sozialen Rituale: gemeinsam Tee oder Kaffee zu trinken und miteinander ins Gespräch zu kommen.

    Andere Arbeiten spielen mit Sprache und Bedeutung. „2B or not 2B“ und „Bilateral“ nehmen den Bleistift als Werkzeug des Zeichnens, Schreibens, Korrigierens und Verhandelns auf. Bei „Konsensmilch“ wird sogar die Kondensmilch zum Ausgangspunkt einer Reflexion über gesellschaftlichen Konsens – etwas vermeintlich Gemeinsames, das immer wieder neu hergestellt und ausgehandelt werden muss.

    In den zwölf Fächern entsteht daraus keine lineare Erzählung. Vielmehr kreisen die Arbeiten um eine Frage: Wie bekommen alltägliche Gegenstände eine gemeinsame Bedeutung?

    Der Ort könnte dafür kaum passender sein. Wo früher Waren ausgegeben wurden, werden heute Gedanken in Umlauf gebracht.

    Wenn der Massstab plötzlich ein anderer wird

    Bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler spielt für Sokalski bisher auch der Zufall eine Rolle. Die ersten Positionen verbindet jedoch ein Interesse an Raum und eine gewisse Nähe zur Architektur.

    Gerade Künstler, die normalerweise mit grossen Räumen oder Installationen arbeiten, stehen hier vor einer ungewöhnlichen Aufgabe. Statt einer Halle oder eines klassischen Galerieraums bleiben zwölf winzige Fächer.

    „Der Automat zwingt zu einem völlig anderen Massstab“, beschreibt Sokalski diesen Reiz.

    Zu einem starren kuratorischen Prinzip soll das allerdings nicht werden. Sokalski möchte den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern möglichst grosse Freiheit lassen. Es gibt keine Vorgaben dafür, wie die zwölf Räume zu bespielen sind. Nicht ein festgelegtes Ausstellungsschema, sondern die Auseinandersetzung der jeweiligen Position mit diesem ungewöhnlichen Ort soll bestimmen, was entsteht.

    Damit wird die räumliche Beschränkung paradoxerweise zu einer Form von Freiheit: Der Rahmen ist extrem klein – was darin passiert, bleibt weitgehend offen.

    Von Sicherheit und Sehnsucht

    Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigte bereits die erste Ausstellung „Halo Konsum / What Remains Is the Longing“ von Matthias Megyeri.

    Megyeri beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit den kulturellen, sozialen und psychologischen Dimensionen von Sicherheit. Zäune, Stacheldraht, Schlösser, Ketten oder Alarmanlagen verlieren bei ihm ihre rein funktionale Bedeutung und werden zu eigentümlich verführerischen Objekten zwischen Schutz und Kontrolle, Anziehung und Abgrenzung.

    Für TWELVE ROOMS wurden Arbeiten aus seinem „Sweet Dreams Security®“-Universum zu Miniaturen und beinahe zu Reliquien. Gerade in einem ehemaligen Verkaufsautomaten bekommt diese Verschiebung eine zusätzliche Ebene: Konsum, Begehren und das Versprechen von Sicherheit treffen auf einen Ort, der ursprünglich für den automatisierten Verkauf geschaffen wurde.

    Megyeri lebt und arbeitet zwischen Stuttgart und London. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Museum of Modern Art in New York, im Design Museum London und im Israel Museum in Jerusalem. Werke seiner „Sweet Dreams Security®“-Serie befinden sich unter anderem in den Sammlungen des MoMA und des Ludwig Museums Budapest.

    Dass sowohl Matthias Megyeri als auch Florian Graf an diesem Abend anwesend waren, machte es möglich, nicht nur die Arbeiten zu betrachten, sondern den Ort und seine Idee unmittelbar im Austausch zu erleben.

    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf (links) und Roman Sokalski (rechts) in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf (links) und Roman Sokalski (rechts) in Zürich Seefeld

    Wenn die Galerie auf die Strasse wächst

    Was mich an diesem Abend mindestens genauso beeindruckt hat wie das Ausstellungskonzept, spielte sich vor den zwölf Räumen ab.

    Die Vernissage war sehr gut besucht. Menschen standen vor der Fassade und auf dem Trottoir, unterhielten sich bei Sekt und Wein, dazu gab es ein Buffet. Viele kannten sich, andere kamen hinzu. Menschen aus Kunst, Architektur und dem kreativen Umfeld trafen aufeinander, Gespräche entstanden und neue Bekanntschaften ebenso.

    Aus einer Vernissage vor zwölf winzigen Ausstellungsräumen wurde im Laufe des Abends fast eine kleine Party, die bis in die späten Stunden dauerte.

    Und damit passierte etwas Interessantes: Die eigentliche Galerie blieb unverändert klein, aber ihr Raum wurde immer grösser.

    Das Trottoir wurde zum Treffpunkt, die Strasse zum Kommunikationsraum.

    Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität von TWELVE ROOMS. Kunst wird hier nicht durch Quadratmeter definiert. Die zwölf Fächer geben den Werken einen konzentrierten Rahmen – und alles, was daraus an Begegnungen, Gesprächen und Gedanken entsteht, breitet sich davor aus.

    Vom Verkaufsautomaten zum Kunstraum – und wieder zurück

    Sokalski interessiert gerade das Spannungsfeld zwischen der heutigen künstlerischen Nutzung und der ursprünglichen Funktion des Automaten.

    In der Adventszeit soll deshalb aus „Nothing to buy“ vorübergehend wieder etwas werden, das man tatsächlich kaufen kann. Geplant ist, handgeschriebene Witze von Künstlerinnen und Künstlern für einen Franken anzubieten.

    Dann funktioniert der alte Mechanismus wieder wie früher: Münze einwerfen, Fach öffnen, etwas entnehmen.

    Nur dass statt Kaffee oder Tee diesmal eine Idee verkauft wird.

    Es ist eine kleine Intervention, die sehr gut zu TWELVE ROOMS passt. Die Geschichte des Ortes wird nicht nostalgisch konserviert, sondern immer wieder neu aufgegriffen und weitergedacht.

    Was als Nächstes kommt

    Auch die nächste Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich die zwölf Räume interpretiert werden können. Im November folgt „Persona Hotel“ von lu:nu einer anonymen dänischen Künstlerin.

    Dann verwandeln sich die Fächer in zwölf identische Hotelzimmer und zugleich in kleine Kinos. In jedem erscheint dasselbe Bild einer einzelnen Figur mit geometrischer Maske. Durch die Wiederholung verschiebt sich der Blick vom Individuum hin zu Fragen nach Identität, sozialer Rolle und dem, was Menschen miteinander verbindet.

    Wieder werden die zwölf Räume also nicht einfach gefüllt. Ihre Architektur wird zum Ausgangspunkt der künstlerischen Idee.

    Vielleicht ist es genau das, was TWELVE ROOMS so interessant macht: ein fast übersehbarer Ort mitten in Zürich, eine vorhandene Struktur, die niemand als Galerie geplant hat, und ein Initiator, der darin das Potenzial für Kunst erkannt hat.

    Für mich begann der Abend mit einer spontanen Einladung. Ich wollte eigentlich nur kurz vorbeischauen und blieb viel länger als gedacht.

    Es sind solche Orte und Begegnungen, die zeigen, wie vielfältig eine Kunstszene sein kann – gerade auch abseits der grossen Museen und etablierten Galerien.

    Man muss sie nur entdecken.

    Website TWELVE ROOMS

    Instagram @twelve_rooms

    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
    Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld

    Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien.