Architektur, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Der Chipperfield-Bau des Kunsthaus Zürich zeigt seine Qualität nicht auf den ersten Blick. Gerade darin liegt seine Stärke.

Auf den ersten Blick wirkt er streng, monumental, beinahe hermetisch: der Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich von David Chipperfield. Ein grosser, klar geschnittener Kubus aus Stein, der seit 2021 dem historischen Kunsthaus am Heimplatz gegenübersteht.

Doch je länger man sich mit dem Gebäude beschäftigt, desto mehr beginnt sich dieser erste Eindruck aufzulösen. Hinter der scheinbaren Strenge steckt eine Architektur, die überraschend stark von Licht, Material, Proportionen und feinen Bezügen zur Umgebung lebt.

Vor allem aber ist es ein Gebäude, das nicht selbst zum Kunstwerk werden will. Es schafft einen Rahmen für die Kunst – mit einer architektonischen Qualität, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschliesst.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Ein neues Haus, das die alten nicht ignoriert

Das Kunsthaus ist selbst ein Stück Architekturgeschichte. Der Moser-Bau stammt von 1910, 1958 folgte der Pfister-Bau, 1976 der Erweiterungsbau von Erwin Müller. Chipperfield fügte diesem Ensemble ein weiteres Haus aus einer vollkommen anderen Zeit hinzu.

Dabei ging es nicht darum, historische Architektur zu imitieren. Chipperfield suchte nach einer zeitgenössischen Antwort auf das Bestehende.

Das zeigt sich besonders an der Fassade. Ihre schmalen vertikalen Lisenen aus Jurakalkstein erzeugen einen Rhythmus, der Bezüge zu den steinernen Fassaden des historischen Kunsthauses und anderer öffentlicher Zürcher Gebäude herstellt.

Der Stein selbst ist dabei alles andere als steril. Seine Oberfläche und natürliche Struktur bringen Bewegung in die streng geometrische Ordnung. Je nach Licht verändert sich die Wirkung der Fassade, Schatten wandern über die vertikalen Elemente und lassen den massiven Baukörper lebendiger erscheinen.

Was aus der Entfernung fast geschlossen wirkt, wird aus der Nähe differenzierter. Hinter und zwischen den steinernen Elementen liegen Fenster und Öffnungen, die asymmetrisch über die Fassade verteilt sind. Dadurch entsteht eine zweite Ebene innerhalb der strengen Ordnung.

Gerade darin liegt eine Qualität dieses Gebäudes: Es drängt sich nicht mit spektakulären Formen auf. Seine Wirkung entsteht aus Rhythmus, Material, Licht und Proportion.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Ein Museum, das nicht selbst zur Skulptur werden will

Viele zeitgenössische Museumsbauten sind längst selbst zu Attraktionen geworden. Die Architektur wird zur weithin sichtbaren Skulptur und manchmal sogar zum eigentlichen Grund für einen Besuch.

Der Chipperfield-Bau verfolgt einen anderen Ansatz.

Sein Konzept basiert auf einem «Haus der Räume». Unterschiedlich grosse und proportionierte Säle bilden eine Folge von Räumen mit jeweils eigenem Charakter. Entscheidend ist dabei auch das Licht: Manche Ausstellungsbereiche lassen sich vollständig kontrollieren, andere beziehen gezielt Tageslicht ein.

Damit reagiert die Architektur auf sehr unterschiedliche Anforderungen der Kunst – von klassischer Malerei über die Moderne bis zu zeitgenössischen Installationen, Fotografie und neuen Medien.

Genau diese Funktionalität spielte bereits beim Architekturwettbewerb 2008 eine wesentliche Rolle. Chipperfields Entwurf setzte sich gegen 19 weitere Projekte durch. Die Jury sah darin eine besonders überzeugende Lösung der komplexen städtebaulichen, architektonischen und funktionalen Anforderungen.

Das Museum sollte nicht nur mehr Fläche bekommen. Es brauchte Räume, die unterschiedlichste Formen der Präsentation ermöglichen und gleichzeitig effizient organisiert sind.

Die Architektur ist damit nicht nur Hülle. Sie ist ein präzise entwickeltes Instrument für das Zeigen von Kunst.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Der vielleicht eindrucksvollste Raum liegt zwischen den Ausstellungen

Wer das Gebäude betritt, erlebt zunächst keine klassische Museumssituation.

Die zentrale Eingangshalle nutzt die gesamte Höhe des Gebäudes und entwickelt dadurch eine fast monumentale Raumwirkung. Über mehrere Geschosse hinweg öffnet sich ein Raum, dessen Dimensionen man in Zürich kaum erwartet.

Gleichzeitig verhindern die grossen Glasflächen, dass diese Monumentalität schwer oder abgeschlossen wirkt. Auf der einen Seite öffnet sich der Blick zum Heimplatz und zum historischen Kunsthaus, auf der anderen zum Garten der Kunst.

So entsteht eine starke Sichtachse. Die Halle verbindet Altbau und Neubau, Stadt und Museum, Architektur und Umgebung.

Interessant ist dabei auch, dass die grosse Glasfront nicht unmittelbar als Eingang dient. Der Zugang ist seitlich versetzt und über einen Vorraum organisiert. Diese Schleusensituation hat neben der räumlichen Inszenierung auch eine klimatische Funktion und schützt die grosse Halle vor einem direkten Austausch mit dem Aussenraum.

Bemerkenswert ist vor allem die Materialität. Sichtbeton, weisser Marmor, helles Eichenholz und Messing bestimmen die Architektur. Eigentlich eine sehr reduzierte und puristische Materialwelt – und trotzdem wirkt der Raum nicht kalt.

Vor allem das Messing spielt dabei eine wichtige Rolle. Es findet sich an Wandflächen, Türen, Handläufen, Liften und in der Signaletik und setzt warme Akzente gegenüber Beton und Stein.

Hier zeigt sich das Prinzip des gesamten Gebäudes besonders deutlich: Die Architektur sucht nicht den schnellen Effekt. Ihre Qualität erschliesst sich über Proportionen, Materialien und Details – und oft erst auf den zweiten Blick.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Die Qualität steckt auch im Detail

Je länger man sich durch das Gebäude bewegt, desto stärker fallen die kleinen Dinge auf.

Übergänge, Brüstungen und Handläufe sind sorgfältig ausgearbeitet. Harte geometrische Formen werden an manchen Stellen überraschend weich. Kanten sind gerundet, Messingelemente tauchen immer wieder auf und selbst Türgriffe werden zu kleinen gestalterischen Entdeckungen – teilweise in Form von Tierköpfen.

Solche Details verändern nicht die Architektur als Ganzes. Aber sie verändern die Wahrnehmung.

Der grosse, zunächst streng wirkende Bau bekommt dadurch etwas Menschliches. Man spürt, dass hier nicht nur über Kubatur und Quadratmeter nachgedacht wurde, sondern darüber, wie sich Menschen durch Räume bewegen, Materialien berühren und Architektur unmittelbar erleben.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Architektur, die vom Licht lebt

Vielleicht lässt sich der Chipperfield-Bau ohnehin weniger über seine Form als über sein Licht verstehen.

Von aussen verändert der Schatten der steinernen Fassadengliederung die Wahrnehmung des Gebäudes. Innen wird Tageslicht gezielt eingesetzt, ohne die Anforderungen empfindlicher Kunstwerke aus den Augen zu verlieren.

Besonders deutlich wird das in der zentralen Halle. Die grossen Glasflächen machen die Stadt zum Teil der Architektur. Der historische Moser-Bau gegenüber wird plötzlich selbst zum Bild.

So entsteht eine interessante Umkehrung: Der Neubau steht nicht einfach neben dem alten Kunsthaus. Er inszeniert den Blick darauf.

Alt und Neu treten miteinander in Beziehung, ohne dass das eine das andere imitieren muss.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Vom Museum in die Stadt

Chipperfields Entwurf endet nicht an der Fassade.

Im Norden schliesst der Garten der Kunst an. Bereits im städtebaulichen Konzept war vorgesehen, zwei unterschiedliche öffentliche Räume zu schaffen: den urbanen Heimplatz auf der einen und einen offenen, grünen Raum auf der anderen Seite. Die zentrale Halle verbindet beide.

Auch bei der Gestaltung des Gartens wurde die Umgebung mitgedacht. Statt einen vollkommen eigenständigen Landschaftsraum zu schaffen, nimmt die Bepflanzung Bezüge zu den Gärten des Quartiers auf. Der Übergang zwischen Museum und Umgebung soll fliessend wirken.

Dieser Gedanke ist wesentlich für das Verständnis des Gebäudes. Das Kunsthaus sollte nicht nur zusätzliche Ausstellungsfläche erhalten, sondern sich stärker zur Stadt öffnen.

Heute sind die Eingangshalle und der Garten auch ohne Besuch einer Ausstellung zugänglich. Menschen treffen sich hier, durchqueren die Halle oder halten sich im Aussenraum auf.

Aus Museumsfläche wird öffentlicher Raum – ein Ort für Begegnung und Kommunikation.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Ein Bau, der Zeit braucht

Seit seiner Planung und Eröffnung wurde der Chipperfield-Bau kontrovers diskutiert. Seine Grösse, die strenge Geometrie und die steinerne Fassade boten genügend Stoff für Kritik. Gleichzeitig hatte die Zürcher Bevölkerung der Erweiterung des Kunsthauses 2012 in einer Volksabstimmung zugestimmt.

Vielleicht gehört diese Ambivalenz sogar zu diesem Gebäude.

Denn der Chipperfield-Bau versucht nicht, durch eine spektakuläre Geste unmittelbar zu gefallen. Er setzt auf etwas anderes: Proportion, Material, Licht, Rhythmus und eine konsequente Umsetzung bis ins Detail.

Gerade deshalb lohnt es sich, näher hinzusehen.

Denn hinter dem vermeintlich einfachen Kubus steckt ein erstaunlich komplexes Zusammenspiel aus Stadt, Architektur und Kunst. Der Bau nimmt sich nicht zurück, weil seine Architektur weniger wichtig wäre. Seine Stärke liegt vielmehr darin, präsent zu sein, ohne ständig Aufmerksamkeit einzufordern.

Vielleicht ist genau das eine seiner grössten Qualitäten: eine Architektur, die nicht um Aufmerksamkeit kämpfen muss.

Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
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Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
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Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)
Kunsthaus Zürich Architektur Chipperfield-Bau (Foto: Ronald Wissler)

Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.

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