Schlagwort: I Can’t Sleep in a Library

  • Wenn die Orientierung verloren geht

    Wenn die Orientierung verloren geht

    Mit «I Can’t Sleep in a Library» verwandelt Tetiana Kartasheva einen kleinen Ausstellungsraum an der Klingenstrasse in Zürich in einen Ort zwischen Wachsein und Schlaf. Malerei, skulpturale Objekte, Licht und Klang verschieben dabei die Wahrnehmung – und zeigen zugleich, wie lebendig die Zürcher Kunstszene auch abseits der grossen Institutionen ist.

    Es gibt diesen kurzen Moment vor dem Einschlafen, in dem Gedanken ihre klare Ordnung verlieren. Räume verändern sich, Bilder tauchen auf und verschwinden wieder, Bekanntes erscheint plötzlich fremd.

    Genau diesem Zustand widmet sich die Ausstellung «I Can’t Sleep in a Library» der Zürcher Künstlerin Tetiana Kartasheva. Ausgangspunkt ist die Schwelle zwischen Wachsein und Schlaf – ein Zustand, in dem vertraute Räume, Gegenstände und Ordnungssysteme ihre festen Koordinaten verlieren.

    Kartasheva übersetzt diese Erfahrung in Malerei, skulpturale Objekte und eine bewusst inszenierte räumliche Situation. Formen und Muster wirken zunächst vertraut, sind aber leicht verschoben. Orientierung wird unsicher, Wiedererkennen geht in Irritation über.

    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva

    Wenige Elemente, präzise inszeniert

    Der Ausstellungsraum an der Klingenstrasse 23 ist nicht gross. Gerade das funktioniert hier erstaunlich gut. Die Arbeiten bekommen genügend Raum, ohne dass die Ausstellung distanziert wirkt. Auch die Beleuchtung wurde eigens auf die Präsentation abgestimmt und verstärkt die konzentrierte Atmosphäre.

    Die reduzierte Formensprache ist charakteristisch für Kartashevas Arbeit. Die ukrainisch-schweizerische Künstlerin lebt und arbeitet in Zürich und beschäftigt sich mit dem Menschen in einer zunehmend beschleunigten Welt sowie mit dem Raum als Struktur, in der sich der Körper bewegt und orientiert. Malerei, Grafik und Installation verbindet sie dabei mit reduzierten Formen, räumlicher Balance und rhythmischen Wiederholungen.

    Gerade diese formale Klarheit erzeugt in «I Can’t Sleep in a Library» einen interessanten Widerspruch: Die Bilder erscheinen geordnet, während das Thema der Ausstellung von Kontrollverlust und Desorientierung handelt.

    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva

    Ein Bett im Schaufenster

    Besonders eindrücklich ist die Installation im Schaufenster. Dort liegt ein Bett – ein alltäglicher, fast intimer Ort des Rückzugs – unmittelbar an der Grenze zwischen Ausstellungsraum und Strasse.

    Mit Kopfhörern lässt sich dort eine Klangarbeit von Dana Borić hören. Die in Zürich lebende Klangkünstlerin, Komponistin und Improvisatorin erweitert Kartashevas Auseinandersetzung mit dem Übergang zwischen Wachsein und Schlaf in den akustischen Raum. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen zeitgenössischer Komposition, Klangkunst, Improvisation und Performance und beschäftigt sich unter anderem mit Raum, Erinnerung und körperlichem Hören.

    Durch das grosse Fenster entsteht dabei noch eine weitere Ebene: Innen und Aussen überlagern sich. Ausstellung, Strasse, Spiegelungen und Menschen werden Teil desselben Bildes. Das Bett wirkt wie ein privater Raum, der gleichzeitig vollkommen öffentlich geworden ist.

    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva

    Kunst entsteht auch durch Begegnung

    Tetiana Kartasheva kannte ich bereits über Instagram. Die Vernissage war deshalb eine gute Gelegenheit, ihre Arbeiten nicht nur im Raum zu erleben, sondern auch länger mit ihr über ihre künstlerische Arbeit zu sprechen.

    Auch Yulia Virts, die gelegentlich für Artcircle schreibt, war vor Ort und hatte Tetiana beim Aufbau der Ausstellung unterstützt. Beide sind befreundete Künstlerinnen. Unter den Gästen waren weitere Künstlerinnen und Künstler aus ihrem Umfeld.

    Das ist vielleicht nur eine Randbeobachtung – und gleichzeitig eine, die viel über eine Kunstszene erzählt.

    Denn zeitgenössische Kunst in Zürich findet nicht nur im Kunsthaus, in Museen oder in den etablierten Galerien statt. Sie entsteht auch in kleinen Projekträumen, temporären Ausstellungen und durch Künstlerinnen und Künstler, die eigene Projekte initiieren, sich gegenseitig unterstützen und Menschen zusammenbringen.

    Gerade solche Abende machen diese andere Seite der Zürcher Kunstszene sichtbar: persönlich, unmittelbar und erstaunlich lebendig.

    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva

    Tetiana Kartasheva

    Tetiana Kartasheva, geboren 1989, ist eine ukrainisch-schweizerische Künstlerin mit Atelier in Zürich. Sie studierte Bildende Kunst in Kyiv und absolvierte später ein CAS in Curating an der Zürcher Hochschule der Künste. Ihre Arbeiten wurden in der Schweiz und international gezeigt, unter anderem im Helmhaus Zürich, in der Kulturhaus Helferei, bei Visarte Zürich sowie in verschiedenen unabhängigen Kunsträumen und Ausstellungsformaten.

    I Can’t Sleep in a Library
    Tetiana Kartasheva
    2.–7. Oktober 2026
    Klingenstrasse 23, Zürich

    Mit einer Klangarbeit von Dana Borić.

    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can't sleep in the library Tetiana Kartasheva
    Venissage I can’t sleep in the library Tetiana Kartasheva

    Textdokument zur Ausstellung

    Tetiana Kartasheva CV und Portfolio

    Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen.