Zwischen Traum und Realität, Erinnerung und Fantasie: Die Galerie Peter Kilchmann in Zürich widmet sich mit zwei parallel stattfindenden Ausstellungen den vielfältigen Möglichkeiten der Malerei. Bei der Vernissage am 28. Oktober bot sich nicht nur die Gelegenheit, bemerkenswerte Kunstwerke zu entdecken, sondern auch interessante Einblicke in das Leben eines beinahe vergessenen Schweizer Surrealisten zu gewinnen.
Eine Galerie mit musealem Charakter
Schon der Besuch der Galerie Peter Kilchmann an der Zahnradstrasse in Zürich ist immer wieder ein Erlebnis. Die grosszügigen, weitläufigen Räumlichkeiten erinnern in ihrer Dimension eher an ein Museum als an eine klassische Kunstgalerie. Sie bieten den ausgestellten Werken viel Raum zur Entfaltung und schaffen eine Atmosphäre, in der man sich intensiv mit der Kunst auseinandersetzen kann.
Zur Eröffnung der beiden Ausstellungen Walter Grab (1927–1989) – Zurich Surrealist und Beyond Visible Realityempfingen Galerist Peter Kilchmann und sein Team die zahlreichen Gäste in einer offenen und herzlichen Atmosphäre.
Im Mittelpunkt des Abends stand zunächst die Wiederentdeckung eines Künstlers, dessen Werk trotz seiner kunsthistorischen Bedeutung bis heute nur einem vergleichsweise kleinen Publikum bekannt ist.

Walter Grab – eine eigenständige Stimme des Schweizer Surrealismus
Mit rund 30 Gemälden aus den 1950er- bis 1980er-Jahren bietet die Galerie einen umfassenden Einblick in das Schaffen von Walter Grab. Viele der ausgestellten Arbeiten stammen aus Schweizer Privatsammlungen und sind deshalb nur selten öffentlich zu sehen.
Besonders bemerkenswert ist die stilistische Kontinuität seines Werks. Obwohl die Gemälde über mehrere Jahrzehnte entstanden sind, vermitteln sie eine erstaunliche Geschlossenheit. Walter Grab entwickelte früh eine unverwechselbare Bildsprache, der er über seine gesamte Schaffensperiode hinweg weitgehend treu blieb.
Seine Bilder bewegen sich zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Rätselhafte Bildwelten, symbolische Elemente und traumartige Szenerien eröffnen Räume für eigene Interpretationen. Dabei orientierte sich Grab zwar am Surrealismus, fand jedoch zu einer sehr persönlichen künstlerischen Ausdrucksform.
Einen besonderen Moment der Vernissage bildete die Einführung durch Peter Kilchmann, der auch den Sohn des Künstlers vorstellte. Dieser berichtete aus dem Leben seines Vaters und vermittelte persönliche Einblicke in dessen künstlerische Entwicklung. Solche Begegnungen bereichern eine Ausstellung auf besondere Weise: Hinter den Werken wird der Mensch sichtbar, dessen Erfahrungen, Gedanken und Lebensgeschichte in die Kunst eingeflossen sind.

Eine Wiederentdeckung über Zürich hinaus
Die Ausstellung verfolgt ein klares Anliegen: Walter Grabs Werk soll wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und einem breiteren Publikum zugänglich werden.
Dass ein bedeutender Teil seines Schaffens in privaten Sammlungen bewahrt wird, macht diese Präsentation besonders wertvoll. Sie ermöglicht einen zusammenhängenden Blick auf ein künstlerisches Lebenswerk, das sonst nur selten in dieser Vielfalt zu erleben ist.
Wie Peter Kilchmann während der Vernissage erläuterte, sollen die Arbeiten anschliessend auch in Paris gezeigt werden. Damit würde sich die Gelegenheit bieten, Walter Grab über die Schweizer Kunstszene hinaus einem internationalen Publikum näherzubringen.
Beyond Visible Reality – Malerei zwischen Wahrnehmung und Vorstellung
Parallel zur Einzelausstellung von Walter Grab präsentiert die Galerie die Gruppenausstellung Beyond Visible Reality mit 13 künstlerischen Positionen.
Der Titel ist zugleich Programm: Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Malerei Wirklichkeit nicht nur abbilden, sondern verändern, hinterfragen und neu interpretieren kann.
Die ausgestellten Werke bewegen sich zwischen Figuration und Abstraktion, zwischen erkennbaren Motiven und imaginären Bildwelten. Erinnerungen, Träume, psychologische Zustände und persönliche Erfahrungen werden zu Ausgangspunkten einer künstlerischen Auseinandersetzung mit unserer Wahrnehmung.
Besonders beeindruckt haben mich die Arbeiten von Andriu Deplazes, Diego Kohli und Per Kirkeby. Ihre unterschiedlichen künstlerischen Handschriften zeigen exemplarisch, wie vielfältig die Möglichkeiten zeitgenössischer Malerei sind.
Gerade im Zusammenspiel mit der Walter-Grab-Ausstellung entsteht ein spannender Dialog. Während Grab seine eigene surrealistische Bildwelt über Jahrzehnte entwickelte, greifen zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler vergleichbare Fragen aus neuen Perspektiven auf.
Dabei zeigt sich, dass die Auseinandersetzung mit Traum, Fantasie und subjektiver Wirklichkeit keineswegs an eine bestimmte Kunstepoche gebunden ist.

Kunst erleben, Menschen begegnen
Eine Vernissage lebt jedoch nicht allein von den ausgestellten Werken. Sie ist immer auch ein Ort der Begegnung.
Auch an diesem Abend bot sich die Gelegenheit, bekannte Gesichter aus der Zürcher Kunstszene wiederzutreffen, neue Kontakte zu knüpfen und sich bei einem Glas Wein über die Kunst auszutauschen.
Gerade diese Verbindung aus künstlerischer Entdeckung, persönlichen Gesprächen und neuen Perspektiven macht solche Abende besonders reizvoll.
Mit den beiden Ausstellungen gelingt der Galerie Peter Kilchmann eine interessante Verbindung zwischen kunsthistorischer Wiederentdeckung und zeitgenössischer Auseinandersetzung. Sie zeigen auf unterschiedliche Weise, dass die Malerei weit mehr vermag, als das Sichtbare wiederzugeben.
Manchmal beginnt Kunst gerade dort, wo die sichtbare Wirklichkeit endet.
Ausstellungsinformationen
Walter Grab (1927–1989) – Zurich Surrealist
Beyond Visible Reality – Group Show
Galerie Peter Kilchmann
Zahnradstrasse 21, 8005 Zürich
- Oktober bis 19. Dezember 2026
Öffnungszeiten: Dienstag–Freitag, 10–18 Uhr; Samstag, 11–17 Uhr














Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.
