TWELVE ROOMS – wenn zwölf kleine Räume einen grossen Ort schaffen

Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf (links) und Roman Sokalski (rechts) in Zürich Seefeld

Manche der interessantesten Kunstorte entdeckt man ungeplant.

Vernissagen sind nicht nur Orte für Kunst, sondern auch für Begegnungen und Austausch. So ergab sich bei „VESSELS“ in der Galerie Lea Bischofberger im Zürcher Seefeld aus einem Gespräch die spontane Einladung, anschliessend noch eine weitere Vernissage ganz in der Nähe zu besuchen: TWELVE ROOMS.

Ich kannte den Ort bis dahin nicht. Aus einem kurzen Abstecher wurde ein überraschend langer und besonderer Abend.

Denn TWELVE ROOMS ist alles andere als eine gewöhnliche Galerie.

Zwölf Fächer werden zu zwölf Ausstellungsräumen

An der Seefeldstrasse 9 befindet sich in einer Aussenfassade ein alter Verkaufsautomat mit zwölf verglasten Fächern. Wo früher Kaffee und Tee verkauft wurden, ist heute zeitgenössische Kunst zu sehen – in zwölf Ausstellungsräumen, Room I bis Room XII.

Hinter TWELVE ROOMS steht der Architekt Roman Sokalski. Die Idee entstand, wie er erzählt, eigentlich durch Zufall. Seit Jahren kam er an dem Automaten vorbei. Seine Büros und Firmen befinden sich zwischen Bellevue und Seefeld, ein befreundeter Geigenbauer arbeitet im selben Haus. Der ungenutzte Automat war einfach immer da – etwas vergessen und gleichzeitig erstaunlich präsent.

Irgendwann begann Sokalski, das Objekt mit anderen Augen zu betrachten. Gerade aus architektonischer Perspektive lag sein Potenzial eigentlich offen vor ihm: zwölf kleine Räume hinter Glas, mitten in der Stadt und jederzeit für alle sichtbar.

„Man muss eigentlich gar nicht viel hinzufügen“, sagt Sokalski.

So entstand 2026 TWELVE ROOMS – verbunden mit einem ebenso einfachen wie treffenden Gedanken:

Nothing to buy and everything to discover.

Ein Automat mit eigener Geschichte

Auch die Geschichte des Ortes macht das Projekt besonders.

Bis ungefähr zum Jahr 2000 befand sich in dem Haus das Café Gleich, eines der frühen vegetarischen Restaurants Zürichs. Das Gebäude gehört bis heute der Familie Gleich. An der Hausecke wurde der Automat eingebaut, um geröstete Kaffeebohnen und Tee zu verkaufen – jeweils für einen Franken.

Und er funktioniert vollständig mechanisch. Eine Einfrankenmünze wird eingeworfen, danach lässt sich das entsprechende Fach öffnen.

Irgendwann wurde ausgerechnet dieser Preis zum Problem. Für einen Franken liess sich kaum noch etwas sinnvoll verkaufen. Das Café verschwand, der Automat blieb – rund 25 Jahre weitgehend ungenutzt. Als Sokalski ihn übernahm, existierten nicht einmal mehr die Schlüssel.

Gerade diese Vorgeschichte ist für TWELVE ROOMS wesentlich. Der Automat wurde nie als Kunstraum entworfen. Seine Proportionen, seine Mechanik und seine zwölf Fächer waren längst vorhanden.

Aus zwölf Warenfächern wurden zwölf Ausstellungsräume.

Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld

Florian Graf – Common Grounds

An diesem Abend eröffnete mit „Common Grounds“ von Florian Graf bereits die zweite Ausstellung bei TWELVE ROOMS.

Graf richtet den Blick auf Dinge, die uns im Alltag so selbstverständlich umgeben, dass wir sie kaum noch wahrnehmen: eine Tasse, einen Bleistift, eine Tube Kondensmilch. In seinen Arbeiten werden daraus Objekte, die von Sprache, Gewohnheiten, gesellschaftlichen Übereinkünften und gemeinsamer Erinnerung erzählen.

Besonders unmittelbar verbindet sich „Botany of Distribution“ mit der Geschichte des Ortes. Die Keramik-Edition erinnert an die ursprüngliche Funktion des Verkaufsautomaten und zugleich an eines unserer alltäglichsten sozialen Rituale: gemeinsam Tee oder Kaffee zu trinken und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Andere Arbeiten spielen mit Sprache und Bedeutung. „2B or not 2B“ und „Bilateral“ nehmen den Bleistift als Werkzeug des Zeichnens, Schreibens, Korrigierens und Verhandelns auf. Bei „Konsensmilch“ wird sogar die Kondensmilch zum Ausgangspunkt einer Reflexion über gesellschaftlichen Konsens – etwas vermeintlich Gemeinsames, das immer wieder neu hergestellt und ausgehandelt werden muss.

In den zwölf Fächern entsteht daraus keine lineare Erzählung. Vielmehr kreisen die Arbeiten um eine Frage: Wie bekommen alltägliche Gegenstände eine gemeinsame Bedeutung?

Der Ort könnte dafür kaum passender sein. Wo früher Waren ausgegeben wurden, werden heute Gedanken in Umlauf gebracht.

Wenn der Massstab plötzlich ein anderer wird

Bei der Auswahl der Künstlerinnen und Künstler spielt für Sokalski bisher auch der Zufall eine Rolle. Die ersten Positionen verbindet jedoch ein Interesse an Raum und eine gewisse Nähe zur Architektur.

Gerade Künstler, die normalerweise mit grossen Räumen oder Installationen arbeiten, stehen hier vor einer ungewöhnlichen Aufgabe. Statt einer Halle oder eines klassischen Galerieraums bleiben zwölf winzige Fächer.

„Der Automat zwingt zu einem völlig anderen Massstab“, beschreibt Sokalski diesen Reiz.

Zu einem starren kuratorischen Prinzip soll das allerdings nicht werden. Sokalski möchte den eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern möglichst grosse Freiheit lassen. Es gibt keine Vorgaben dafür, wie die zwölf Räume zu bespielen sind. Nicht ein festgelegtes Ausstellungsschema, sondern die Auseinandersetzung der jeweiligen Position mit diesem ungewöhnlichen Ort soll bestimmen, was entsteht.

Damit wird die räumliche Beschränkung paradoxerweise zu einer Form von Freiheit: Der Rahmen ist extrem klein – was darin passiert, bleibt weitgehend offen.

Von Sicherheit und Sehnsucht

Wie unterschiedlich das aussehen kann, zeigte bereits die erste Ausstellung „Halo Konsum / What Remains Is the Longing“ von Matthias Megyeri.

Megyeri beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit den kulturellen, sozialen und psychologischen Dimensionen von Sicherheit. Zäune, Stacheldraht, Schlösser, Ketten oder Alarmanlagen verlieren bei ihm ihre rein funktionale Bedeutung und werden zu eigentümlich verführerischen Objekten zwischen Schutz und Kontrolle, Anziehung und Abgrenzung.

Für TWELVE ROOMS wurden Arbeiten aus seinem „Sweet Dreams Security®“-Universum zu Miniaturen und beinahe zu Reliquien. Gerade in einem ehemaligen Verkaufsautomaten bekommt diese Verschiebung eine zusätzliche Ebene: Konsum, Begehren und das Versprechen von Sicherheit treffen auf einen Ort, der ursprünglich für den automatisierten Verkauf geschaffen wurde.

Megyeri lebt und arbeitet zwischen Stuttgart und London. Seine Arbeiten wurden international gezeigt, unter anderem im Museum of Modern Art in New York, im Design Museum London und im Israel Museum in Jerusalem. Werke seiner „Sweet Dreams Security®“-Serie befinden sich unter anderem in den Sammlungen des MoMA und des Ludwig Museums Budapest.

Dass sowohl Matthias Megyeri als auch Florian Graf an diesem Abend anwesend waren, machte es möglich, nicht nur die Arbeiten zu betrachten, sondern den Ort und seine Idee unmittelbar im Austausch zu erleben.

Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf (links) und Roman Sokalski (rechts) in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf (links) und Roman Sokalski (rechts) in Zürich Seefeld

Wenn die Galerie auf die Strasse wächst

Was mich an diesem Abend mindestens genauso beeindruckt hat wie das Ausstellungskonzept, spielte sich vor den zwölf Räumen ab.

Die Vernissage war sehr gut besucht. Menschen standen vor der Fassade und auf dem Trottoir, unterhielten sich bei Sekt und Wein, dazu gab es ein Buffet. Viele kannten sich, andere kamen hinzu. Menschen aus Kunst, Architektur und dem kreativen Umfeld trafen aufeinander, Gespräche entstanden und neue Bekanntschaften ebenso.

Aus einer Vernissage vor zwölf winzigen Ausstellungsräumen wurde im Laufe des Abends fast eine kleine Party, die bis in die späten Stunden dauerte.

Und damit passierte etwas Interessantes: Die eigentliche Galerie blieb unverändert klein, aber ihr Raum wurde immer grösser.

Das Trottoir wurde zum Treffpunkt, die Strasse zum Kommunikationsraum.

Vielleicht liegt genau darin eine besondere Qualität von TWELVE ROOMS. Kunst wird hier nicht durch Quadratmeter definiert. Die zwölf Fächer geben den Werken einen konzentrierten Rahmen – und alles, was daraus an Begegnungen, Gesprächen und Gedanken entsteht, breitet sich davor aus.

Vom Verkaufsautomaten zum Kunstraum – und wieder zurück

Sokalski interessiert gerade das Spannungsfeld zwischen der heutigen künstlerischen Nutzung und der ursprünglichen Funktion des Automaten.

In der Adventszeit soll deshalb aus „Nothing to buy“ vorübergehend wieder etwas werden, das man tatsächlich kaufen kann. Geplant ist, handgeschriebene Witze von Künstlerinnen und Künstlern für einen Franken anzubieten.

Dann funktioniert der alte Mechanismus wieder wie früher: Münze einwerfen, Fach öffnen, etwas entnehmen.

Nur dass statt Kaffee oder Tee diesmal eine Idee verkauft wird.

Es ist eine kleine Intervention, die sehr gut zu TWELVE ROOMS passt. Die Geschichte des Ortes wird nicht nostalgisch konserviert, sondern immer wieder neu aufgegriffen und weitergedacht.

Was als Nächstes kommt

Auch die nächste Ausstellung zeigt, wie unterschiedlich die zwölf Räume interpretiert werden können. Im November folgt „Persona Hotel“ von lu:nu einer anonymen dänischen Künstlerin.

Dann verwandeln sich die Fächer in zwölf identische Hotelzimmer und zugleich in kleine Kinos. In jedem erscheint dasselbe Bild einer einzelnen Figur mit geometrischer Maske. Durch die Wiederholung verschiebt sich der Blick vom Individuum hin zu Fragen nach Identität, sozialer Rolle und dem, was Menschen miteinander verbindet.

Wieder werden die zwölf Räume also nicht einfach gefüllt. Ihre Architektur wird zum Ausgangspunkt der künstlerischen Idee.

Vielleicht ist es genau das, was TWELVE ROOMS so interessant macht: ein fast übersehbarer Ort mitten in Zürich, eine vorhandene Struktur, die niemand als Galerie geplant hat, und ein Initiator, der darin das Potenzial für Kunst erkannt hat.

Für mich begann der Abend mit einer spontanen Einladung. Ich wollte eigentlich nur kurz vorbeischauen und blieb viel länger als gedacht.

Es sind solche Orte und Begegnungen, die zeigen, wie vielfältig eine Kunstszene sein kann – gerade auch abseits der grossen Museen und etablierten Galerien.

Man muss sie nur entdecken.

Website TWELVE ROOMS

Instagram @twelve_rooms

Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
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Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld
Vernissage TWELVE ROOMS Florian Graf in Zürich Seefeld

Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien.

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