Statement
Alina Döring, *1979 in Remscheid/Deutschland
Zur Malerei kam ich über das (intensive) Zeichnen und zum Zeichnen über das Innenarchitekturstudium. Es fing an mit Lehrerportraits, ging weiter mit Bahnhöfen und Pendlern (in Köln gewohnt, in Düsseldorf studiert), dazu kam Konstruktives und Innenraumszenen sowie Strassencafés und Gassen der Urlaubsorte, Bilder-Reisetagebücher, wöchentliche Aktmalerei. Dann der Sprung vom Papier auf die Leinwand. Die Sujets haben sich seit jeher nicht geändert: der Mensch, die Stadt, das Urbane.
Was scheinbar zufällig und beiläufig begann, hat sich als das grosse Thema herausgestellt, das mein Tun und Denken stets begleitet. Der Mensch und sein urbanes Umfeld begeistern und faszinieren mich aus architektonischer, biologischer, sozialer und philosophischer Sicht.
Der Mensch, wie er Gebäude und Städte errichtet, in der Menge untergeht und dennoch Einzigartigkeit für sich proklamiert. In der Stadt sind viele auf wenig Raum und dennoch jeder für sich. Meine Bilder zeigen den Menschen in der Nahaufnahme, sein Porträt, oder ihn interagierend mit anderen. Starr die Leute nicht so an!, hat man mir früher oft gesagt. Aber Körperhaltung, Körpersprache, Gesichter und Mimik lassen sich lesen, wie Biografien und helfen mir, mich und meinesgleichen besser zu verstehen.
Der Mensch ist auch für Übles verantwortlich. Wir sind eine Art mit den besten Absichten und trotzdem in hohem Grade (selbst-)zerstörerisch. Meinen Frieden habe ich dennoch mit uns/mit mir gemacht. Wenn ich sehe und höre, wie Kunstschaffende sich ausdrücken und mit anderen synchronisieren können in Malerei, Musik und Tanz, dann wird deutlich, dass der innere Zwiespalt zwischen triebhafter Bedürfnisbefriedigung und hoch abstraktem, logischem Denken überwunden werden kann. Auch Bahnhöfe und sonstige Verkehrsknotenpunkte sind für mich immer wieder ein Phänomen: wir sind so viele, aber wir kennen die Regeln und die Richtungen und so finden sich die meisten gut zurecht und anstatt von Chaos entsteht ein geschäftiges Treiben, das, je nach Kultur, mehr oder weniger heiter ausfällt.
Bis auf weiteres bleibt der Mensch mein Thema und ich denke, es bleibt auch spannend.
Warum Zürich
Nach 15 Jahren in Köln, erschien es mir kaum möglich, dass ich Zürich eines Tages auch als meine Heimat betrachten könnte. Da man eine Stadt am besten zu Fuss erobert, habe ich vom ersten Tag an lange Streifzüge durch die Quartiere gemacht, bin sie abgelaufen und habe dabei meine Liebe für Zürich entdeckt. Ich beziehe mich dabei nicht auf die bekannten Prachtbauten und Touristenhotspots, sondern die kleinen Plätze und Orte des täglichen Lebens. Ich liebe die schlichte Eleganz der Badi-Architektur, die flachen Dächer und filigranen Konstruktionen, ebenso die Tramhaltestellen im gleichen Stil mit gut erhaltenen Holzsitzbänken, die mehr an ein Schiffsdeck als an einen ÖV-Halt erinnern, dazu die monströsen Betonarchitekturen, wie das Kornhaus oder die Hardbrücke, die sich wie ein Strom heisser Lava, den Weg durch die Stadt planiert hat. Und beim genauen Hinsehen, entdeckt man an den Unterseiten der gewendelten Treppenaufgänge am Escher-Wyss-Platz eine sehr aufwändige Betonschalung, die mich entzückt.
Ich liebe auch die klare Limmat, die sich durch die Stadt schlängelt und deren Ufer an jeder Stelle für die Allgemeinheit zugänglich ist. Es gibt die Flussbadis, die sich nach einem Arbeitstag in der Hitze des Sommers noch zur Abkühlung im Fluss anbieten – gratis. Auch ohne Badestelle springen die Zürcher an jeder Stelle in Fluss oder See und ist der nicht in der Nähe, hocken sich die Leute einfach auf die Ränder der Trinkwasserbrunnen und halten zumindest die Füsse ins Wasser. Wo gibt es das schon, dass man am Morgen neben der Lunchbox vorsichtshalber noch die Badehose einpackt? Ich liebe die wilden Vorgärten, die vielen Pinienbäume, den Kleinstadtcharme mit Grossstadtinfrastruktur, die Leute, das Multikulti.
Im Gegensatz dazu kommt der Winter oft hässlich, grau und neblig daher. Wenn das üppige Grün dem Herbst zum Opfer gefallen ist, wird die Stadt ungemütlich. Aber selbst das gefällt mir. Den Kontrast braucht es – sonst ist es zu lieblich. Und als Kind aus der Mitte Deutschlands habe ich schöne Kindheitserinnerungen an Nebel und verregnete Tage.
Ebenso reizvoll die oft verblüffende Kombination von alt und neu. Selbst im Zentrum, wo der qm Boden mit Gold aufgewogen wird, existieren noch kleine Einfamilienhäuser oder uralte Scheunen. Es gibt modernste, auf Effizienz optimierte Architektur und dennoch erlaubt man sich hier und da, den Erhalt des Alten, in die Jahre gekommenen und Kleinteiligen.
Im Laufe der Jahre habe ich unzählige Fotos von der Stadt gemacht, die mir als Grundlage für die Zürich-Serie dienen.
Wenn jemand ein Bild aus dieser Serie kauft, dann fragt er mich nicht, was ich mir dabei gedacht habe, sondern erzählt mir stattdessen, was er/sie/es mit diesem Bild verbindet. Ob das der vielgelaufene Nachhauseweg vom Club war, oder der Park, in dem man täglich Mittagspause gemacht hat – jeder hat seine eigene Geschichte zu den Ecken dieser Stadt und sind sie auch alle unterschiedlich, so verbinden sie uns doch. Denn die eigene Identität ist auch an den Ort gekoppelt, an dem man lebt – man spürt entweder Zugehörigkeit oder schmerzliches Fehl-am-Platz-Sein in allen erdenklichen Abstufungen.












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