Nathalie Bissig – «The Wolves» in der Galerie Stephan Witschi, Zürich
Manchmal beginnt eine interessante Kunsterfahrung bereits vor der Begegnung mit den Werken. So auch bei meinem ersten Besuch in der Galerie & Edition Stephan Witschi in Zürich. Die denkmalgeschützten Räumlichkeiten an der Limmatstrasse erzählen selbst ein Stück Stadtgeschichte: Wo sich einst eine Autowerkstatt befand, wird heute zeitgenössische Kunst präsentiert. Gleich zwei Galerien teilen sich die eindrucksvollen Räume: Lullin + Ferrari und die Galerie & Edition Stephan Witschi.
Ein bemerkenswerter Ort, an dem Industriegeschichte auf zeitgenössische Kunst trifft.
Anlass meines Besuchs am 5. November war die Vernissage der Fotokünstlerin Nathalie Bissig. Ihre Ausstellung «The Wolves» hatte mein Interesse nicht zuletzt deshalb geweckt, weil sich die Arbeiten mit dem Kanton Uri beschäftigen – meinem Heimatkanton.
Zwischen Mythos und Wirklichkeit
Was geschieht, wenn wir eine vertraute Landschaft betrachten und plötzlich nicht mehr sicher sind, was wir eigentlich sehen? Wenn aus Bäumen, Felsen und Wiesen geheimnisvolle Erscheinungen werden und die Grenze zwischen Wirklichkeit und Vorstellung verschwimmt?
Nathalie Bissig beschäftigt sich in ihrer fotografischen Serie «The Wolves» mit einer Welt, in der Natur, Mythen und menschliche Vorstellungen untrennbar miteinander verbunden sind.
Im Mittelpunkt stehen Landschaften aus dem Kanton Uri sowie Kinder aus Uri und dem Tessin, die in eigens angefertigten Masken und Kostümen auftreten. Ihre Erscheinungen erinnern an Wesen aus alten Sagen, an Geister, Tiere oder Gestalten, für die es keine eindeutige Bezeichnung gibt.
Bissig greift damit auf kulturelle Traditionen zurück, in denen Berge, Wälder und Dunkelheit nicht nur Teil der natürlichen Umgebung waren, sondern auch Schauplätze von Geschichten, Ängsten und geheimnisvollen Kräften.
Der Wolf wird dabei zur Symbolfigur einer Natur, die sich menschlicher Kontrolle entzieht und gerade deshalb seit Jahrhunderten Faszination und Furcht auslöst.
Fotografie als Verwandlung
Besonders eigenständig ist die fotografische Bildsprache. Durch die Umkehrung der Tonwerte entstehen Schwarzweissbilder, die unsere gewohnten Sehweisen auf den Kopf stellen. Vegetation scheint zu leuchten, Landschaften wirken beinahe durchscheinend und vertraute Formen erhalten eine eigentümliche, manchmal surreale Präsenz.
Diese Technik ist weit mehr als ein ästhetischer Effekt. Sie schafft Distanz zur sichtbaren Realität und eröffnet neue Möglichkeiten der Interpretation.
Manche Aufnahmen erinnern an wissenschaftliche Untersuchungen, andere an Traumbilder oder Fotografien aus einer längst vergangenen Zeit. Gerade diese Unbestimmtheit macht ihren Reiz aus. Die Bilder verlangen keine eindeutige Erklärung, sondern laden dazu ein, genauer hinzusehen.
Eine Hängung, die selbst Spannung erzeugt
Bemerkenswert war auch die Präsentation der Werke. Statt einer konventionellen, gleichmässigen Hängung nutzte die Galerie den Raum auf überraschende Weise.
Einzelne Fotografien waren bewusst in Raumecken platziert, andere so dicht nebeneinander, dass sie sich beinahe berührten – obwohl ringsum grosszügige Wandflächen zur Verfügung standen.
Diese ungewöhnliche Anordnung erzeugte eine eigene Spannung. Sie unterbrach den gewohnten Rhythmus beim Betrachten und lenkte die Aufmerksamkeit nicht nur auf die einzelnen Fotografien, sondern auch auf ihre Beziehungen zueinander und zum umgebenden Raum.
Gerade in Verbindung mit der geheimnisvollen Bildwelt von Nathalie Bissig entstand dadurch eine Präsentation, die weit über das blosse Zeigen von Fotografien hinausging.
Die sehr gut besuchte Vernissage bot zudem Gelegenheit, mit dem Galeristen Stephan Witschi ins Gespräch zu kommen und den besonderen Ausstellungsort näher kennenzulernen.
Wenn Masken mehr zeigen, als sie verbergen
Eine weitere Besonderheit liegt in der Entstehung der Arbeiten. Nathalie Bissig fertigt die Masken und Kostüme selbst an und entwickelt ihre fotografischen Inszenierungen gemeinsam mit Kindern aus der Region.
Damit verbindet sie unterschiedliche künstlerische Ausdrucksformen. Die Fotografie steht nicht isoliert am Ende eines Prozesses, sondern ist Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit Material, Verwandlung und Identität.
Die Masken dienen dabei nicht allein der Verkleidung. Sie ermöglichen den Kindern, andere Rollen einzunehmen und für einen Moment die vertraute Ordnung zu verlassen.
Darin liegt ein spannender Widerspruch: Ausgerechnet das Verbergen des eigenen Gesichts kann etwas sichtbar machen, das im Alltag verborgen bleibt.
Eine künstlerische Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln
Nathalie Bissigs fotografische Arbeit ist eng mit ihrer Herkunftsregion verbunden. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beschäftigt sie sich mit Menschen, Landschaften und kulturellen Traditionen der Region.
Ihre Werke bewegen sich zwischen dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Inszenierung. Dabei geht es weniger um die möglichst genaue Abbildung einer Landschaft als um das, was sich hinter ihrer sichtbaren Oberfläche verbirgt: Erinnerungen, überlieferte Vorstellungen, Rituale und das Verhältnis der Menschen zur Natur.
«The Wolves» entsteht seit 2022 und ist Teil ihres umfassenderen Werkkomplexes «Thunder».
Für die Serie wurde die Künstlerin mit dem near. prize 2026 ausgezeichnet. Der Preis wird von near., der Schweizer Vereinigung für zeitgenössische Fotografie, vergeben und fördert eigenständige Positionen innerhalb der zeitgenössischen Fotografie.
Die Jury würdigte insbesondere die enge Verbindung des Projekts zur lokalen Gemeinschaft, seine unverwechselbare Bildsprache und den künstlerischen Ansatz, der über die Fotografie hinaus auch die Gestaltung von Kostümen und Objekten einbezieht.
Bilder, die Fragen offenlassen
Was diese Ausstellung interessant macht, ist das Zusammenspiel mehrerer Ebenen: eine eigenständige fotografische Sprache, die Auseinandersetzung mit regionalen Traditionen und eine Präsentation, die den besonderen Charakter der Galerieräume bewusst einbezieht.
Nathalie Bissig zeigt keine romantisierte Alpenwelt und auch keine folkloristische Dokumentation. Ihre Arbeiten hinterfragen vielmehr, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen und welche Rolle Geschichten, Erinnerungen und Vorstellungen dabei spielen.
Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Qualität: Sie machen das Vertraute fremd und lassen uns Dinge entdecken, die wir zuvor nicht gesehen haben.
Ausstellungsinformationen
Nathalie Bissig – «The Wolves»
Galerie & Edition Stephan Witschi, Zürich
5.–21. November 2026
Finissage: Samstag, 21. November 2026, 15 Uhr, mit Künstlergespräch und Präsentation der Publikation «Thunder».












Die gezeigten Fotografien entstanden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen. Abgebildete Personen und Kunstwerke dienen ausschliesslich der redaktionellen Berichterstattung über das Ausstellungsgeschehen. Alle Rechte an den gezeigten Werken liegen bei den jeweiligen Künstler:innen und Galerien/Museen.
